Extremisten geraten in Fahrt
Löst er als Befehlsverweigerer eine Kettenreaktion aus? Soldat Avi Bieber (Mitte) wird abgeführt
Die jüngsten Ereignisse im Katif-Siedlungsblock, aber auch auf Israels Strassen, lassen die Befürchtung aufkommen, dass die Extremisten unter Israels Entflechtungsgegnern immer mehr in Fahrt geraten und kaum noch aufzuhalten sein werden. Die Sicherheitsorgane stehen vor schwierigen Zeiten.
Von Jacques Ungar
Eine aktuelle Umdeutung erhielt diese Woche der traditionelle Gruss «gmar chatima towa», mit dem sich jüdische Gläubige gegenseitig zu Rosch Haschana und Jom Kippur eine positive Abschlussbilanz des Jahres wünschen. «Gmar chassima towa», eine gute Blockade, wünschten sich die Anhänger des Rechtslagers in den Stunden vor der grossen Aktion, mit der am Mittwochabend zahllose Strassenkreuzungen aus Protest gegen den nur noch 45 Tage entfernten Rückzug Israels aus dem Gazastreifen und dem nördlichen Westjordanland blockiert werden sollten und das Land damit faktisch lahm gelegt werden sollte.
Die bewährte Fähigkeit des jüdischen Volkes, auch in Zeiten ärgster Krisen und schlimmster Bedrängnis Witze zu reissen, vorzugsweise über sich selbst, hat offenbar noch nichts von ihrer Wirksamkeit und Durchschlagkraft verloren. Einerseits ist das gut so, denn Witze bieten sowohl dem Erzähler als auch dem Zuhörer Gelegenheit, eine Verschnaufpause einzulegen und sich zu überlegen, ob er sich selber effektiv so schrecklich ernst nehmen soll, wie es den Anschein macht. Andrerseits ist das Verbreiten von Witzen und Anekdoten in Krisenzeiten besonders gefährlich, lassen sich so doch abscheuliche und empörende Wirklichkeiten problemlos überdecken und verdrängen.
Und hier liegt der Hase im israelischen Pfeffer. Alles, was mit der Entflechtung und den Protesten gegen diesen Schritt zusammenhängt, wird nämlich von Tag zu Tag abscheulicher und empörender, und immer mehr Beobachter fürchten, dass Regierung und Sicherheitsorganen, aber auch den offiziellen Repräsentanten der Siedlerbewegung die Zügel nach und nach entgleiten. Der keiner Autorität gehorchende Mob ergreift das Zepter immer offener, wobei die Tendenz zur Gewaltanwendung zusehends dominiert. Das zeigte sich etwa am Mittwochmorgen, als Extremisten, sozusagen als Vorgeschmack auf die grosse Aktion vom Abend, auf einem Teilabschnitt der Autobahn Tel Aviv – Jerusalem Öl ausgossen und Nägel streuten. Trotz des dichten Morgenverkehrs gab es nur einige wenige Karambolagen, bei denen keine Menschen zu Schaden kamen. Das war Glück und/oder Vorsehung, wie man will, doch mindert das um keinen Deut die Abscheulichkeit der Tat an sich. Schon am Sonntag bewiesen die Hardliner unter den Siedlern, was in ihnen steckt. Als die Armee am Strand des Katif-Siedlungsblocks die Zerstörung von elf verlassenen Häuserruinen in Angriff nahm – die Bauten hatten vor dem Sechstagekrieg ägyptischen Offizieren gedient – missbrauchten die Extremisten die Situation für eine eigentliche Hauptprobe für das, was Soldaten und Polizisten wahrscheinlich erwartet, wenn Mitte August grünes Licht für die Räumung gegeben wird. Man zog die Sicherheitskräfte in grobe Prügeleien hinein und besetzte ein palästinensisches Haus, von dem aus man sich dann mit den benachbarten Angehörigen der Muassi-Sippe eine heftige Steinschlacht lieferte. Dass die israelische Presse im Anschluss fast ausschliesslich das Bild einer durch einen Stein am Kopf leicht verletzten jungen Siedler-Aktivistin zeigte, war eine eklatante Verzerrung des effektiven Geschehens. Die Aktivisten machten gar keinen Hehl aus der Tatsache, dass sie das mehrstöckige Haus widerrechtlich besetzt hatten. Ihre Sprecher krakelten vielmehr in jedes ihnen entgegengehaltene Mikrofon lauthals ihre wahre Absichten: Die Gegend soll von der Präsenz von Palästinensern befreit werden.
Gefährliche Saat beginnt aufzugehen
Im Zuge der Auseinandersetzung erhielten die zahlreichen anwesenden Medienschaffenden ihren Scoop auf dem silbernen Tablett geliefert, als IDF-Soldat Avi Bieber (ein Immigrant aus den USA) durchdrehte und laut gegen die «Vertreibung von Juden» zu protestieren begann. Der Wehrmann wurde in einem Schnellverfahren zu 56 Tagen Arrest verurteilt, doch dürfte die Angelegenheit damit wohl kaum ihr Bewenden haben. Abgesehen davon, dass der Soldat von den Siedlern inzwischen bereits zum Helden emporstilisiert worden ist, muss damit gerechnet werden, dass Bieber Nachfolger haben wird. Vor dem Hintergrund der herannahenden Entflechtung war er zwar der erste Dienstverweigerer, dürfte aber kaum der letzte gewesen sein. Die gefährliche Saat radikaler Rabbiner und Knessetabgeordneter, aber auch fanatischer Aktivisten wie Nadja Matar (Frauen in Grün) oder Itamar Ben-Gvir, die rund um die Uhr und mit System zur Dienstverweigerung aufrufen, beginnt nun aufzugehen.
Aus Siedlerkreisen im Katif-Siedlungsblock hört man immer wieder, die rabiatesten der Aktivisten, vor allem jene Jugendlichen, die sich im «Palm Beach Hotel» verbarrikadiert haben und auf den Tag X warten, seien gar keine Einwohner der lokalen Siedlungen, sondern hätten sich von aussen in den Gazastreifen geschmuggelt. Diese Behauptung trifft im Grossen und Ganzen zu, doch entbindet das das Establishment nicht von einer gewissen Mitverantwortung. Warum haben die Siedler sich nicht von Anfang an entschieden von den Aktivisten distanziert? War es ihnen vielleicht ganz bequem, wenn andere die physische Schmutzarbeit für sie verrichteten? Eine noch grössere Verantwortung lastet auf den Schultern von Israels Politikern und Generälen. Warum hat man angesichts der überdeutlichen Zeichen an der Wand den Gazastreifen nicht vor Wochen schon zur militärischen Sperrzone erklärt? Jetzt, nach den gewalttätigen Ereignissen vom Wochenanfang, spricht man von einer unmittelbar bevorstehenden Verhängung der Absperrung, doch der Abtransport der mehreren 100 bereits eingesickerten Aktivisten wird zahllose Soldaten und Polizisten beschäftigen und somit von der eigentlichen Aufgabe – der Entflechtung – fernhalten. Angesichts dieser Situation wundert es nicht, dass Premier Sharon am Dienstag die Gesetzesbrecher unter den Extremisten erstmals als «Gefahr für den Staat» angeprangert hat. Schade nur, dass er so lange mit dieser Feststellung zugewartet hat.
Entflechtung als Sieg
Das Bild wäre unvollständig und einseitig, würden wir uns auf die Schilderung des israelischen Extremismus beschränken. Das palästinensische Establishment seinerseits demonstriert nämlich einen derart krassen Unwillen beziehungsweise eine Unfähigkeit, das Heft resolut in die Hand zu nehmen, dass jene Kreise, die vor den nach der Entflechtung auf das israelische Volk wartenden Gefahren warnen, sich immer wieder in ihrer Meinung bestärkt fühlen. Von den täglichen Beschiessungen israelischer Ziele im Gazastreifen wollen wir hier gar nicht sprechen, doch der Feuerüberfall vom letzten Freitag auf eine Bushaltestelle unweit der Westjordanland-Siedlung Hermesh riss viele Gutgläubige einmal mehr brutal in die Wirklichkeit zurück. Zwei Jugendliche – einer 15, der andere 16 Jahre jung – starben durch die aus nächster Nähe abgegebenen Schüsse der Terroristen. Und stützt man sich auf die Untersuchungen des palästinensischen Meinungsforschers Khalil Shikaki aus Ramallah ab, ist auch die Zukunft nach der Entflechtung für Israel durch Unsicherheit und Risiko geprägt. Anlässlich eines Treffens mit Journalisten meinte Shikaki diese Woche nämlich in Jerusalem, die palästinensische Behörde sei so lange nicht motiviert, die Waffen von Organisationen wie Hamas und Jihad einzusammeln, wie der Friedensprozess stagniere. Diese Meinung unterstützen 60 Prozent der Palästinenser. Zudem interpretieren drei Viertel der Öffentlichkeit den bevorstehenden Abzug Israels aus dem Gazastreifen als Sieg des «bewaffneten Kampfes», was die Spekulationen hinsichtlich des zu erwartenden Verhaltens von Hamas im Westjordanland in eine klare, für Israel wenig erbauliche Richtung lenkt.
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TV-Rabbiner Motti Elon: Wer lyncht, ist ein Mörder
„Wer angeblich im Namen der Vaterlandsliebe in der Lage ist zu lynchen, der ist ein Mörder, und wer im Namen der Vaterlandsliebe in der Lage ist, Nägel und Öl auf die Straßen zu schütten, ist ein Verbrecher.“ Das sagte der bekannte TV-Rabbiner Mordechai (Motti) Elon, der Leiter der Hakotel-Yeshiwa in Jerusalem, am Donnerstagabend in einem Gespräch mit der Zeitung „Haaretz“: Alon, einer der wichtigsten und zentralsten Rabbiner des religiösen Zionismus nahm Stellung zu den jüngsten Ereignissen im Hotel „Maoz Yam“ und in Muassi. Rabbiner Elon fügte hinzu: „Die Aufgabe der Regierung in einer solchen Zeit ist es, autoritär und deutlich zu sein. Das gefährlichste ist im Moment, herumzustammeln.“
Rabbiner Elon erklärte: „Die radikalen Rowdies, die seit einiger Zeit nach Gush Katif kommen, haben den Kampf gegen die Abkopplung um Tausende Meilen zurückgeworfen. Das Besondere an dem ganzen Kampf bzw. die Botschaft der Siedlungsbewegung im Allgemeinen und der Siedlungen in Gush Katif im Besonderen, war, dass der Siedlungsbau nicht die private Angelegenheit von Angehörigen einer bestimmten Gruppe oder einer bestimmten Stadt ist, sondern als Auftrag des Staates Israel anzusehen ist. Der Kampf wurde unter der Überschrift „In Liebe werden wir siegen“, „von Angesicht zu Angesicht“ geführt. Das ist etwas, das mit Recht viel Achtung und Empathie eingebracht hat, wenn auch keine Zustimmung. Das hat signalisiert, dass wir das Land nicht auf unnötigem Hass aufbauen. Ein Tempel wurde deswegen bereits zerstört. Wir bauen das Land gemeinsam auf. Und wir sind hierher gekommen, den Staat Israel gemeinsam aufzubauen, und wir sind dazu berechtigt, uns zu streiten und zu diskutieren, doch wir müssen zusammenarbeiten, auch in einem Meinungskrieg. Das grobe Verhalten der letzten Tage kehrt dies ins Gegenteil um.“ (Walla, 1.7.)
Sharon kündig hartes Vorgehen gegen Extremisten an
Ministerpräsident Ariel Sharon hat die Extremisten des rechten Flügels für ihr gewaltsames Vorgehen im Kampf gegen den Abkopplungsplan der Regierung scharf kritisiert. Sie würden mit „eiserner Hand“ behandelt werden, kündigte Sharon beim Wirtschaftsforum „Caesarea“ am Donnerstag in Jerusalem an. „Ich mache eine absolut klare Unterscheidung zwischen (der Siedlerbewegung im Allgemeinen) und diesen radikalen Banden, die versuchen, die israelische Gesellschaft zu terrorisieren und es zerreißen, indem sie Gewalt gegen Juden und Araber ausüben, die Gefühle und Symbole von Muslimen verletzen, tyrannisieren und das Recht brechen. Dies ist nicht der Weg des Judentums. Dies ist nicht der Weg der Siedlerbewegung. Dies ist nicht der Weg Israels“, sagte Sharon.
Die israelischen Verteidigungsstreitkräfte (Zahal) haben die Absperrung der Siedlungen im Gazastreifen am Freitagmorgen wiederaufgehoben. Allerdings soll verhindert werden, dass sich radikale Gegner des Abzugsplans dort erneut festsetzen können, sagte eine Armeesprecherin. Deswegen werde der Transport von Baumaterial und Haushaltsgütern in die Siedlungen weiter beschränkt. Die israelische Polizei hatte gestern ein ehemaliges Hotel geräumt, das Extremisten als Stützpunkt für ihren gewaltsamen Protest gegen die Sieldungsräumung genutzt hatten.
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Letzte Änderung am Samstag, 5. Juli 2008 um 21:54:45 Uhr.
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