Sieben-Millionen-Grenze in Griffnähe

Demografisch signifikante Entwicklung; In Israel leben heute 6,9 Millionen Menschen



Israels Bevölkerung nähert sich allmählich der Sieben-Millionen-Grenze, wobei der Anteil der arabischen Bürger nach wie vor wächst, allerdings langsamer. Die palästinensische Gewalt hat nachgelassen, doch die Armee warnt nachdrücklich vor Euphorie und Nachlässigkeit. Vor allem im Westjordanland seien die Terroristen weiterhin am Aufrüsten.


Von Jacques Ungar

Unmittelbar vor dem 57. Jom Haazmaut (Unabhängigkeitstag), der am Mittwochabend begann, gedachte Israel seiner Gefallenen. Seit dem letztjährigen Gedenktag mussten der langen Liste 169 neue Namen hinzugefügt werden, abgesehen von den 63 Zivilisten, die von palästinensischen Gewalttätern ermordet worden sind. Die Zahl der seit dem 29. November 1947 (Palästina-Teilungsbeschluss der Uno) bei der Verteidigung ihres Vaterlandes ums Leben gekommenen Wehrmänner und -frauen ist damit auf 20368 gestiegen. Neben diesen, sich vor allem mit der Vergangenheit befassenden Zahlen veröffentlichte das statistische Zentralbüro Israels am Vorabend des Jom Haazmaut auch Zahlen, die vor allem für Gegenwart und Zukunft des jüdischen Staates von Bedeutung sind. So nähert sich die Bevölkerung langsam, aber sicher der Sieben-Millionen-Grenze. Heute leben in Israel insgesamt 6,9 Millionen Menschen, achteinhalb mal mehr als zur Zeit der Staatsgründung. 76 Prozent der Israeli sind Juden, 20 Prozent arabische Bürger, während 290'000 Immigranten (vier Prozent) nicht als Juden registriert sind. Das Tempo der Zunahme des Anteils der Araber an der Einwohnerschaft Israels hat leicht abgenommen. Von gesellschaftlicher Wichtigkeit ist sodann die Tatsache, dass heute bereits 65 Prozent der jüdischen und der nicht arabischen Bevölkerung Israels im Lande geboren worden sind. Erwähnen wir schliesslich noch, dass seit dem letztjährigen Unabhängigkeitstag in Israel fast 150'000 Babys zur Welt gekommen sind.

Warnung vor Friedenseuphorie

Die Zahl von 63 toten Zivilisten schmerzt zwar und kann aus Sicht der Israeli unter keinen Umständen akzeptiert werden, doch sollte dennoch nicht übersehen werden, dass die palästinensische Terrortätigkeit seit Monaten eine rückläufige Tendenz aufweist. So wiesen diese Woche die zuständigen israelischen Armeestellen darauf hin, dass die Palästinenser im Jahre 2003 noch 436 potenzielle Selbstmörder auf ihren verbrecherischen Weg geschickt hatten. 18 von ihnen konnten ins israelische Kernland eindringen und ihre Absicht in die Tat umsetzen. Dabei starben 137 Israeli. Die neun Selbstmörder, die sich im Jahre 2004 innerhalb der «grünen Linie» in die Luft jagten, rissen noch 44 unschuldige Zivilisten mit in den Tod, und im laufenden Jahr haben beim bisher einzigen Selbstmordattentat (in Tel Aviv) fünf Israeli das Leben verloren. Weitere Erkenntnisse deuten ebenfalls auf eine Entspannung der Lage hin. So ging die Zahl der verhafteten Palästinenser im ersten Quartal 2005 auf 283 zurück, verglichen mit 537 in der Vergleichsperiode des Vorjahres. Zudem gab es am 1. April 2005 in der Westbank noch 80 Strassensperren, während am 1. Januar 2004 noch deren 180 in Betrieb gewesen waren.

Zuständige IDF-Offiziere warnen aber nachdrücklich davor, angesichts dieser Tendenzen bereits in eine Friedenseuphorie zu verfallen oder gar nachlässig zu werden. Einerseits bestätigen sie, dass auf operationeller Ebene auch während der schlimmsten Zeiten der Intifada die Kontakte zwischen Vertretern israelischer und palästinensischer Sicherheitsorgane aufrecht erhalten worden sind. Im Jahre 2003 kam es zu total 28 solcher Treffen, letztes Jahr registrierte man bereits deren 130, und im ersten Quartal 2005 sassen IDF-Offiziere 49 Mal mit ihren palästinensischen Kollegen zusammen. Gleichzeitig aber machen die im Westjordanland tätigen Armeekreise darauf aufmerksam, dass die Reduktion der Gewalt in erster Linie nicht auf ein Umdenken von Terrorverbänden wie Hamas oder Islamischer Jihad zurückzuführen sei, sondern auf die Errichtung des sich als äusserst effizient erweisenden Trennzauns durch Israel. Dieses Hindernis erschwere den Terroristen, wie die Offiziere betonen, das Infiltrieren ins israelische Kernland zusehends. Negativ wirke sich dagegen das nach wie vor ungenügende, beinahe nicht zu spürende Vorgehen der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) gegen die Extremisten aus. Als Beispiel für die «stumpfen Zähne» der PA wies Radio Israel am Mittwoch darauf hin, dass Palästinenserpräsident Abu Mazen wohl den Befehl erteilt habe, von Israel Gesuchte in den der PA übergebenen Städten Tulkarem und Jericho zu entwaffnen. Dieser Befehl soll von der ausführenden Ebene aber schnöde ignoriert worden seim. Das sei mit ein Grund dafür, dass Verteidigungsminister Shaul Mofaz die Übergabe weiterer palästinensischer Städte an die PA bis auf weiteres eingefroren hat. Vorsicht und Misstrauen seitens der israelischen Sicherheitsorgane gelangen auch in der Tatsache zum Ausdruck, dass am Mittwochmorgen eine totale Abriegelung über den Gazastreifen und das Westjordanland verhängt wurde, die
bis Samstagabend aufrecht erhalten werden soll.

Bericht an US-Kongress

Unter dem Schutze der Anonymität geben in der Westbank stationierte IDF-Offiziere zu, dass politische und militärische Entscheidungsträger in der Beurteilung der Lage nicht immer gleicher Ansicht seien. So weisen die Offiziere darauf hin, dass zwar die Zahl der Anschläge zurückgegangen sei, dass aber die palästinensischen Terroristen die Zurückhaltung der IDF-Truppen in der Westbank zielstrebig nutzten, um ihre Kampfbereitschaft zu mobilisieren und Waffen und Munition zu produzieren, darunter sogar Kassem-Raketen. Beobachter ausserhalb des Sicherheitsestablishments schliessen nicht aus, dass die Terroristen im Hinblick auf den israelischen Abzug aus dem Gazastreifen – dessen Beginn wurde nun definitiv auf Mitte August fixiert – konzertierte Aktionen von der Westbank aus planen. «Nach 1000 israelischen Toten gibt Sharon uns den Gazastreifen», zitiert ein Kenner der Szene gegenüber tachles die palästinensische Denkweise. «Nach 5000 weiteren Toten werden wir auch das Westjordanland erhalten.» Nächste Woche will die sich vor allem mit den Vorgängen in den Gebieten und der palästinensischen Autonomie befassende Nachrichtenagentur «Israel Resource» dem US-Kongress einen Bericht unterbreiten, der sich mit den Überlegungen und Konzepten der palästinensischen Führung befasst.

Die Entflechtung gibt verständlicherweise nicht nur in militärischen Kreisen Israels zu reden; sie bleibt auch auf politischer Ebene Gesprächsthema Nummer eins. Einigen Staub wirbelte diese Woche Aussenminister Silvan Shalom auf, als er während eines gemeinsamen Auftritts mit dem palästinensischen Innenminister Nassr Yussuf in Jerusalem erklärte, dass er er keine «Logik» in einer Durchführung der Entflechtung sähe, falls Hamas die bevorstehenden Parlamentswahlen gewinnen sollte. Shalom wies darauf hin, dass Hamas-Leute nach wie vor entgegen der am Gipfeltreffen von Sharm el Sheikh getroffenen Abmachung ihre Waffen trügen, und dass die Organisation unverändert an ihrem Ziel der Zerstörung des Staates Israel festhalte. Dass palästinensische Sprecher Israel nach Shaloms Äusserungen einer «groben Einmischung in interne palästinensische Angelegenheiten» bezichtigten, war zu erwarten gewesen. Schon weniger selbstverständlich war dagegen die in der Umgebung von Premier Sharon im Umlauf gebrachte Verlautbarung, wonach in jedem Falle – also auch bei einem allfälligen Hamas-Wahlsieg – am Terminkalender der Entflechtung festgehalten werde.

Hamas auf dem Vormarsch

Dass Hamas sich auf der palästinensischen Strasse einer wachsenden Popularität erfreut, haben schon die kürzlich abgehaltenen Lokalratswahlen bewiesen, in denen die Fatah ihre Vormachtstellung nur mit Mühe behaupten konnte. Andererseits gibt es immer mehr Anzeichen dafür, dass die sich Sorgen machende Führung rund um Präsident Abu Mazen die für den 17. Juli angesetzten Wahlen um mehrere Monate verschieben wird, nicht zuletzt, um Israel keinen Vorwand für eine Annullierung des Gaza-Abzugs zu liefern. Langfristig allerdings wird Jerusalem eine Strategie formulieren müssen, die auch einen Machtwechsel auf palästinensischer Seite oder auch nur einen Eintritt von Hamas oder anderen fundamentalistischen Gruppen in die Regierungskoalition der PA überleben könnte. Andernfalls dürfte der Vorwurf der Einmischung in interne Angelegenheiten eines Drittlandes sehr rasch internationale Unterstützung gewinnen.

Erwähnen wir abschliessend noch den überraschenden, ein Jahr vor Beendigung der Kadenz erfolgten Rücktritt Sallai Meridors von der Spitze der Jewish Agency und der Zionistischen Weltorganisation. In etwa einem Monat wird die Agency einen interimistischen Nachfolger wählen, wobei Israels Medien am Mittwoch spekulativ von dem vor einer Woche als Minister demissionierten Natan Sharansky sprachen, während der Sharons Entflechtungsplan befürwortende Meridor als möglicher Botschafter in Washington gehandelt wird.
© 2001 - 2005 tachles Jüdisches Wochenmagazin

Letzte Änderung am Samstag, 5. Juli 2008 um 21:55:20 Uhr.

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