Importierte israelische Opposition
Uzi Benziman über Gesetzesbrecher aus dem Ausland
Einige jüdische Familien aus den USA entstiegen letzte Woche auf dem Ben-Gurion-Flughafen einem Flugzeug und verkündeten jubelnd, sie seien gekommen, um im Katif-Siedlungsblock an Massengebeten und Kundgebungen gegen die Entflechtung teilzunehmen. Einen Tag später hörte man, die «Tempelberg-Fanatiker» planten, Tausende von Juden einzufliegen, welche im Juli die Stätte betend besetzen sollen, um die Polizei in Jerusalem festzuhalten und sie so daran zu hindern, Siedler aus dem Gazastreifen zu evakuieren.
Wir sind Zeugen einer neuen Art der Solidarität zwischen Diaspora-Juden und Israel – Kurzzeit-Immigration im Bestreben, das Gesetz zu brechen und die öffentliche Ordnung zu stören. Als sich 1998 im Rahmen des Wye-Abkommens die Möglichkeit eines Minirückzugs aus den Gebieten abzuzeichnen begann, erklärten einige der Siedleraktivisten, niemand habe das Recht, auf ein Stück von «Erez Israel» zu verzichten, da dies der Zustimmung «aller Generationen der Nation Israels» bedürfe. Heute mobilisiert die extreme Rechte die ganze jüdische Diaspora, um den Entflechtungsplan zu Fall zu bringen. Sie gibt sich nicht zufrieden mit den abgesegneten Resolutionen von Kabinett und Knesset, und sie akzeptiert nicht die Mehrheitsbeschlüsse, wie sie in allen Meinungsumfragen zum Ausdruck gelangen. Die Rechte ruft die Juden aus aller Welt unter die Fahne, um gegen den Abzug aus dem Gazastreifen und dem nördlichen Samaria Widerstand zu leisten.
Auf den ersten Blick scheint der Import der Demonstranten völlig «koscher». Die Verbindung zwischen Israel und den Diaspora-Juden ist derart flexibel und vielschichtig, dass man eigentlich auch die Juden im Exil in die Kontroverse um den Entflechtungsplan miteinbeziehen könnte. Israel erwartet von jüdischen Lobbys im Ausland die Intervention bei ihren jeweiligen Regierungen zu seinen Gunsten. Es verlässt sich automatisch auf die finanzielle Grosszügigkeit der Juden im Ausland, definiert sich als der Staat des ganzen jüdischen Volkes und betrachtet sich als Zufluchtshafen für alle Juden, wo immer sie auch sein mögen. Theoretisch könnte man argumentieren, ein solcher Staat sollte den Beschluss von Juden tolerieren, die zwar nicht seine Bürger sind, aber aktiv an Aktionen gegen die Entflechtung teilhaben wollen.
Es hat sich auch niemand dagegen gestellt, als Juden nach Israel kamen, um während des Sechstagekrieges oder des Jom-Kippur-Krieges mitzukämpfen. Warum also sollte man solchen Juden das Recht streitig machen, den Kampf gegen die Entflechtung mitauszutragen? Die Antwort ist einfach: Es besteht ein riesiger Unterschied zwischen einem aktiven jüdischen Engagement für Israels interne Angelegenheiten und der Einmischung in seine internationalen Auseinandersetzungen. Israel ist in erster Linie der Staat seiner Bürger. Und das Recht dieser Bürger, das Schicksal ihres Staates zu bestimmen – einschliesslich seiner Grenzen und nationaler Sicherheitsvorkehrungen –, steht über der emotionalen Affinität von Juden aus aller Welt zu Israel.
Die Araber von Umm el-Fahm zum Beispiel sind hingegen schon Teil jener Menschen, die das Schicksal der Entflechtung bestimmten werden. Das gilt aber andererseits nicht für die Juden Brooklyns. Gleiches gilt auch, wenn der Tag kommen sollte, an dem der Status von Jerusalem zur Diskussion gestellt wird. Genau so, wie die Juden in aller Welt sich gegen eine Einmischung Israels in die internen Angelegenheiten ihrer Staaten zur Wehr setzen, wird Israel es nicht tolerieren, dass jüdische Massen aus dem Ausland die Strassen des Landes mit Kundgebungen gegen die Entflechtung verstopfen. Das Demonstrieren der jüdischen Solidarität mit Israel hat sich bisher auf Situationen konzentriert, in denen sich wenigstens ein gemeinsamer Nenner finden liess: Verteidigungskriege oder Wirtschaftskrisen. Jetzt aber mobilisiert die extreme Rechte jüdische Kräfte, die dem einen Lager – der Minderheit – helfen sollen, sich gegen die Mehrheit zu behaupten.
Juden, das heisst hier Bürger von Drittstaaten, für eine beschränkte Zeitspanne nach Israel zu beordern, wo sie aktiv an Ereignissen teilnehmen sollen, welche die Verletzung von Gesetzen und die Konfrontation mit Israels Sicherheitskräften beinhalten, legt Zeugnis ab für das aus den Fugen geratene Konzept der rechtsradikalen Führungsfiguren. Indem sie die Tatsache ignorieren, dass sie eine Minderheit sind, wollen sie einer Mehrheit ihren Willen mit Gewalt aufzwingen. Das soll entweder mit Hilfe der Forderung geschehen, in einer Abstimmung über die Zukunft der Gebiete die Stimmen «aller Generationen der Nation Israels» zu zählen, oder indem man die Diaspora-Juden dazu drängt, sich aktiv im Widerstand gegen den Entflechtungsplan zu engagieren.
© 2001 - 2005 tachles Jüdisches Wochenmagazin
Letzte Änderung am Samstag, 5. Juli 2008 um 21:54:51 Uhr.
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