Die Zeit der Jewish Agency ist vorbei
Gideon Levy über Einwanderer und andere
Es bedarf schon einer gehörigen Portion Arroganz, wenn sich ein Staat an die Bürger eines anderen Staates wendet und sie mit dem Argument zur Emigration auffordert, dass bei ihm das Leben besser sei. Und es erfordert ein ziemliches Mass an Rassismus, die Immigration ganz bestimmter Bevölkerungsteile zu fördern, während die Tore des Staates für andere, nur wegen ihrer ethnischen Abstammung, geschlossen bleiben.
Die Zeit ist vorbei für «Job-Messen», wie die Jewish Agency sie unlängst in Grossbritannien und Frankreich organisiert hat. Auch andere zionistische Aktivitäten zur Ankurbelung der Alija verursachen mehr Schaden als sie Nutzen. Gleiches gilt für die Jewish Agency selber, eine anachronistische Organisation, die man auflösen sollte. Die Tore des Landes sollten offen bleiben für einwanderungswillige Juden, doch mit den Bemühungen, Menschen zur Einwanderung zu überreden, sollte man aufhören.
Die Ermutigung zur Alija stellt eine Störung der Souveränität von Staaten dar, die ein freundschaftliches Verhältnis zu Israel unterhalten. Dass diese Staaten diese problematischen Aktivitäten nicht kritisieren, heisst nicht, dass sie sie absegnen. Manchmal grenzt die zionistische Aktivität an Subversion: Wie würden wir auf die Agitation eines fremden Staates reagieren, der Israels Bürger auffordern würde, ihre Heimat zu verlassen? Vielleicht war der Staat früher auf diese Art von Aktivitäten angewiesen – um Juden in Not zu retten oder zur Sicherung seiner Existenz –, doch heute gibt es dafür keine Rechtfertigung mehr. Israel braucht keine zusätzlichen Juden, um sein Bestehen zu garantieren, und auf der ganzen Welt gibt es kaum noch Juden, die in echter Gefahr leben.
Auf der anderen Seite steht hinter den Versprechungen, welche die Jewish Agency und der Staat Neueinwanderern gegenüber hinsichtlich dessen machen, was sie hier zu erwarten haben, nicht genug Substanz. Heute gibt es für Juden keinen Platz, der weniger sicher wäre, als der Staat Israel. Nur hier ist ihr Leben und das ihrer Kinder gefährdet. Die nationale Heimat und das Land, das Immigranten absorbiert, ist derzeit die schwierigste Kampfzone des jüdischen Volkes. Gleiches gilt für das Versprechen der wirtschaftlichen Besserstellung. Die Job-Messen dürften grosse Enttäuschungen nach sich ziehen. Ist Israel aus ökonomischer Sicht tatsächlich ein besserer Ort als die USA? Ist die soziale Wohlfahrt hier effektiv besser als in Grossbritannien? Geniessen Israels Bürger mehr Freiheiten als die französischen? Sogar die Juden in Europa, die manchmal unter Antisemitismus zu leiden haben, leben in einer breiter gefassten Freiheit als jene, die nicht jüdischen Bürgern Israels gewährt wird.
Die meisten Juden der Welt leben unter besseren Bedingungen als wenn sie in Israel leben würden. Sicher zieht Israel einige Juden an, aber nicht aus wirtschaftlichen Gründen oder wegen der persönlichen Sicherheit, die es zu offerieren hat. Man kann sich nur schwer vorstellen, wie ein Staat mit steigender Arbeitslosigkeit und schrumpfender medizinischer Versorgung es wagen kann, Bürgern anderer, wohlhabenderer und besser etablierter Länder Beschäftigung und andere wirtschaftliche Vorteile anzubieten. Hier verbirgt sich ein Element der Unmoral, und zwar nicht nur gegenüber den potenziellen Immigranten, sondern auch gegenüber den Bürgern Israels: Die Hilfe für die Neueinwanderer wird unweigerlich die soziale Wohlfahrt in Israel untergraben. Die Hinzufügung eines weiteren Medikamentes zum Korb der subventionierten Heilmittel ist viel wichtiger und auch viel ethischer, als einen weiteren Immigranten nach Israel zu bringen.
Weniger ethisch ist es, Immigranten aus dem Westen zu umwerben, während die Tore für andere Gruppen verschlossen bleiben. Tausende von Falashmura sind in Addis Abeba zusammengepfercht und warten auf die Alija nach Israel. Um sie zur Immigration zu veranlassen, muss man keine Job-Messen organisieren, doch Israels Tore sind seit Jahren geschlossen für diese Menschen. Europas Juden werden umworben, während verschiedenste Ausflüchte ins Feld geführt werden, um die Einwanderung afrikanischer Juden zu verhindern. In dieser Haltung steckt mehr als nur ein bisschen Rassismus.
Die Haltung gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen ist noch schlimmer. Ausländische Arbeiter, die sich hier, von uns eingeladen, während Jahren abgerackert haben, werden in Schande ausgeschafft. Im Gegensatz zu andern Ländern des Westens haben sie keine Chance, die israelische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Warum? Unerträgliche Schwierigkeiten erwarten Juden, die in Israel mit einem nicht jüdischen Partner leben wollen. Gemäss geltender Gesetzgebung besteht keine Möglichkeit der Familienzusammenführung für Palästinenser, die ebenfalls Kinder dieses Landes sind. In Folge einer diskriminierenden Einwanderungspolitik werden Frauen von ihren Männern getrennt, Kinder von ihren Eltern. Eine Hand öffnet die Tore für Immigranten, die andere wirft sie brutal zu. Das einzige Kriterium ist der ethnische Ursprung. Rechtfertigt der Wunsch, den «jüdischen Charakter» des Staates zu bewahren, all diese Mittel?
Alija muss nicht mehr länger ein Wert in sich selbst sein. Wer Alija machen wollte, hat dies getan, und wer in Zukunft einwandern will, kann diesen Schritt ebenso vollziehen. Und jene, die aus Israel emigrieren wollen, können dies genau frei realisieren. Das hat nichts mehr zu tun mit Wertvorstellungen. Israel weiss heute, wie seine Emigranten zu ehren sind, wenn sie in ihren neuen Heimatländern zu Erfolg gelangen. Wer hat den Beschluss gefasst, ein grösseres Israel sei besser? Und wer hat bestimmt, dass die Immigration nach Israel eine Wertvorstellung per se ist?
Die Politik der Ermutigung zur Alija zielt einzig auf den «demografischen Dämon» ab – die dämonische Gefahr, die ganz offensichtlich die Existenz des Staates gefährdet. Dieser Dämon wird aber nicht verschwinden mit Hilfe der Alija, auch nicht mit einer gross angelegten. Sogar wenn eine Million neuer Immigranten eintrifft, wie der Premierminister es in seiner übertriebenen Vision sieht, wird das nichts ändern an der unverrückbaren Tatsache, dass zwischen dem Jordanfluss und dem Mittelmeer zwei Völker leben, die Anspruch auf das gleiche Recht haben. Keine Masseneinwanderung wird das andere Volk von der Oberfläche der Erde wegwischen. Der Dämon wird erst dann kein Dämon mehr sein, wenn Friede herrscht und der Staat gerechter werden wird.
Die Alija-Emissäre der Jewish Agency sollten nach Hause zurückkehren, Job-Messen sollten geschlossen werden und die Jewish Agency sollte zu existieren aufhören. Juden, die einwandern wollen, sind willkommen, das in eigener Veantwortung zu tun – im Bewusstsein, dass ihr Schritt bis zu einem gewissen Grad ein Abenteuer ist. Die ihnen gewährte Hilfe muss genau das gleiche Ausmass haben wie die Unterstützung für die Bürger des Staates. Bei der heutigen Realität kann ihnen niemand ehrlich persönliche Sicherheit versprechen, eine ökonomische Zukunft oder eine besonders gerechte Gesellschaft. Den potenziellen Einwanderern das zu sagen, ist nichts anderes als fair.
© 2001 - 2005 tachles Jüdisches Wochenmagazin
Letzte Änderung am Samstag, 5. Juli 2008 um 21:54:41 Uhr.
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