Innovativ, elitär und kämpferisch
Vor genau 35 Jahren wurde in Ramat Gan, Tel Aviv, das damalige Shenkar College of Engineering and Design gegründet. Die Hochschule, die sich heute College of Textile Technology and Fashion nennt, geniesst weltweit einen renommierten Ruf und setzt Trends und Standards.
Von Valerie Doepgen
Es ist weder einfach, in der Shenkar-Fachhochschule angenommen zu werden, noch dort sein Studium zu absolvieren. Die Aufnahmeprüfungen sind streng und die Studiengebühren hoch – doch wer diese Hürden zu nehmen weiss, kann von einer elitären und anerkannten Ausbildung in der Mode- und Textilindustrie profitieren. Immer wieder machen Studenten der Schule an internationalen Wettbewerben von sich reden, und einige von ihnen arbeiten nach dem Studienabschluss in Schlüsselfunktionen in Industrie und Design. Wohl bekanntester Absolvent aus Shenkar ist Albar Elbaz: Der früherer Creative Designer bei Yves Saint Laurent wurde 2001 mit dem Alumni Award ausgezeichnet und erregte mit seiner neuesten Kollektion für das Modehaus Lanvin, Paris, bei der Pariser Fashion Week Aufsehen. Andere Absolventen machen sich mit ihrer Shenkar-Ausbildung selbständig, wie Adam Brody, der heute ein Atelier in Zürich hat und seine eigene Kollektion entwirft. «Die Ausbildung hat mir sehr viel gebracht», erzählt der gebürtige Engländer, der mit einer Schweizerin verheiratet ist, «aber es ist nicht leicht gewesen. An der Schule herrscht ein für Israel typisch kämpferischer Charakter, ohne Selbstbewusstsein kommt man da nicht weiter.» Seiner Meinung nach ist der Standort Israel ausschlaggebend für den Erfolg der Schule: «Wir hatten viel weniger Möglichkeiten als Studenten in anderen Ländern, da es bestimmte Stoffe bei uns einfach nicht gab. Aber gerade weil wir in vielem begrenzter waren, mussten wir kreativer sein als alle anderen – das prägt.»
Profunde Ausbildung und kreative Ideen
Am Shenkar College studieren rund 2000 Studenten, die ihr Studium nach vier Jahren mit einem Bachelor abschliessen – Studienbeginn ist jeweils im Oktober. Der Unterricht findet auf Iwrit oder Englisch statt, und neben dem klassischen Universitätsalltag haben die Studenten die Möglichkeit, praktische Erfahrungen zu sammeln. Das College organisiert Konferenzen, Seminare, Ausstellungen von Studenten, Symposien und den Austausch mit anderen Hochschulen. Die Kurs- und Seminarleiter sind Universitätsprofessoren, Unternehmer, Industrielle und Designer aus aller Welt. Die Arbeiten der Modedesignschüler werden jedes Jahr im Sommer auf der Shenkar College Fashion Show der Öffentlichkeit präsentiert. Immer wieder machen neue Ideen weltweit von sich reden, wie 2002 die von Samsung gesponserten Entwürfe für am Körper tragbare Mobiltelefone, die auf der Show in T-Shirts und andere Kleidungsstücke integriert vorgeführt wurden.
Technologisch ist Shenkar auf dem neuesten Stand und in Israel die einzige akademische Institution dieser Art. Die Schule entspricht den industriellen Standards, setzt Trends und entwickelt technologische Innovationen. Unterstützt wird die Fachhochschule unter anderem vom American Commitee for Shenkar College in Israel mit Sitz in New York, das 1971 gegründet wurde. Die Organisation kümmert sich vor allem um die finanzielle Unterstützung der Schule, die eine beachtliche Zahl von Sponsoren – auch aus der Schweiz – aufweisen kann. Brigitte Guggenheim, Präsidentin des Komitees für Shenkar in der Schweiz, lebt in Zürich und setzt sich seit Jahren für die Fachhochschule in Israel ein. «Ich habe viel Geld gesammelt und Stoffe aus unserem Familienunternehmen Brandenburger & Guggenheim für die Studenten gespendet», erzählt Guggenheim, die immer noch sehr engagiert, aber etwas ernüchtert ist, da sich in der jüngsten Zeit kaum noch finanzielle Unterstützung für die Schule organisieren lässt. «Die Menschen spenden ihr Geld nicht mehr für Modeprojekte, sondern für Menschen, die in Israel einem Terroranschlag zum Opfer gefallen sind», resümiert sie und erzählt, dass sie früher oft nach Israel reiste und guten Kontakt zu einigen Studenten pflegte; Adam Brody war einer von ihnen. Dennoch, Projekte wie das Adopt-a-Student-Programm werden weiterhin vom American Commitee organisiert, um bedürftigen Studenten zu helfen, ihr Studium zu finanzieren. Und auch viele universitäre Einrichtungen wie zum Beispiel die Sidney and Anita Bernstein Library, das Schocken Computer Center oder die Marcus Student Lounge sind mit Hilfe von Spendengeldern entstanden.
Unterstützung für Israel
Erklärtes Ziel des Shenkar College unter Präsident Amotz Weinberg ist es, junge und talentierte Menschen elitär auszubilden, die später die Industriebranche Israels stärken können. «Die Schule ist stark geprägt von der israelischen Kultur: entweder man kommt voran oder man bleibt auf der Strecke», erzählt Brody, der zurzeit seine neueste Amber Collection in Zürich präsentiert. «Während der ganzen Ausbildung war ich ein Einzelkämpfer. Es gab tolle Lehrer, aber ich wurde nicht an die Hand genommen. Das Bewusstsein, in Israel irgendwie vom Rest der Welt abgeschottet zu sein, hat die meisten von uns geprägt und mich zum Glück stärker gemacht», so Brody. Studienabbrecher habe es kaum gegeben, erzählt der 37-Jährige. Viele seiner Kommilitonen seien in Israel geblieben, sagt er, sie haben sich dort selbstständig gemacht oder arbeiten in führenden Unternehmen. Der israelische Verband für Textil- und Modeindustrie zählt etwa 140 Unternehmen als Mitglieder, die offensichtlich gern auf die in Shenkar ausgebildeten Studenten als professionelle Arbeitskräfte zurückgreifen. Bleibt nur zu hoffen, dass sich auch in Zukunft trotz der angespannten Situation im Land Freunde der Schule finden, die bereit sind, diese zu unterstützen. «Shenkar hat immer Trends gesetzt, wenn es um Mode ging, das Niveau muss weiter hoch gehalten werden», so Brigitte Guggenheim.
Albar Elbaz steht mit seiner Ausbildung immer noch für Shenkar und präsentiert bei Lanvin eine neue Frauenkollektion für den Sommer 2005, die Leichtigkeit als Hauptmotiv hat. Statt strenger Linien und Konturen betont er den natürlichen Fluss des Stoffes, der sich der Bewegung hingibt und luftig wirkt. Mit der Farbe Gelb-Gold möchte Elbaz seiner Kollektion einen Hauch von Ethno und Technologie zugleich verleihen – ganz im Stil des Shenkar College.
Links zum Artikel: www.shenkar.ac.il, www.shenkarcollege.com, www.amber-collection.ch, www.lanvin.com
© 2001 - 2005 tachles Jüdisches Wochenmagazin
Letzte Änderung am Samstag, 5. Juli 2008 um 21:54:51 Uhr.
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