Bewusste Verzerrungen

Editorial von Jacques Ungar.
Eine zunehmende Verwirrung und Verzerrung von Begriffen prägt die Debatte rund um die Räumung von Siedlungen im Gazastreifen und in der nördlichen Westbank.

Menschlich ist das mehr als verständlich, werden doch Hunderte von jüdischen Familien ihre Wohnungen und Arbeitsplätze in den Palästinensergebieten verlassen müssen, in denen sie nicht selten schon in zweiter Generation ansässig sind und oft auch ihren Lebensunterhalt verdienen. Dass die Emotionen zusehends höher gehen, wird nur jenen überraschen, der über die Bewohner der Siedlungen nur in Definitionen wie «Fanatiker» oder «ideologische Hitzköpfe» spricht, dabei aber übersieht, dass diese Begriffe für Väter, Mütter und Kinder mit gleichen Freuden und Sorgen stehen wie Väter, Mütter und Kinder in Tel Aviv, Jerusalem, Zürich oder New York.

Andererseits machte die Siedlerdemonstration vom Sonntag in Jerusalem – die grösste Kundgebung, die Israels Hauptstadt je gesehen hat – erschreckend klar, welche Dimensionen Verwirrung und Verzerrung schon erreicht haben. Vor seiner Ermordung ist Itzhak Rabin oft und gerne als «Verräter» beschimpft worden. Seither hat eine gewisse Tabuisierung des Begriffes stattgefunden. Keiner will sich damit die Zunge verbrennen. Die Demonstranten vom letzten Sonntag fanden aber problemlos adäquaten Ersatz. Premier Sharon wurde nicht nur als «Diktator» etikettiert, nein, er musste sich auch zweifelhafte Vergleiche gefallen lassen: einmal mit Nebukadnezar, der die Juden ins babylonische Exil vertrieben hat, und dann mit dem Römer Titus, dem Zerstörer des Tempels zu Jerusalem. Ohne das Kind beim Namen zu nennen, platzierten die Demonstranten den Regierungschef damit auf der gleichen Ebene, auf der 1995 schon ein «Verräter» gestanden hatte. Eine bewusst betriebene Begriffsverzerrung.

«Juden vertreiben keine Juden.» Dieser Slogan, den die Entflechtungsgegner seit Wochen kreuz und quer durch die Medien schleppen, dominierte auch die Kundgebung vom Sonntag. Juden sollen Juden vertreiben? Eine weitere, bewusste Begriffsverzerrung. Das Handbuch «Sag es treffender» von A. M. Textor offeriert für «Vertreibung» unter anderem: Ausweisung, Verbannung, Ausbürgerung, Verschleppung, Deportation, Exilierung, Landesverweis. Die betroffenen Siedler mögen das Gefühl haben, alle genannten Begriffe würden ihr Schicksal umschreiben, und ihre Mitstreiter bestärken sie noch so gerne. Sachlich aber liegen sie falsch. Vertrieben wurden seinerzeit die Juden aus Spanien, exiliert wurden sie aus Teilen Jemens, und die Nazis hatten Millionen europäischer Juden verschleppt. Im Gazastreifen aber, der völkerrechtlich nie zum Staate Israel gehört hat, geht es um etwas ganz anderes. Weil sie hofft, dadurch der Region zur Beruhigung zu verhelfen, hat Israels Regierung beschlossen, ihre gut 8000 dort lebenden Bürger umzusiedeln. Zur materiellen Erleichterung des schmerzvollen Vorgangs und zur Integration am neuen Ort will der Staat Hunderte von Millionen Schekel aufwenden. Vertreibung? Verschleppung? Exilierung? Wer solche Worte verwendet, betreibt bewusste Begriffsverzerrung.

Weder verwirrt noch verzerrt tönt dagegen die Warnung von Rabbi Yoel Bin Nun aus der Westbanksiedlung Ofra, der für seine gemässigte Haltung bekannt ist. Die Kontrahenten der Debatte würden, zwei Lokomotiven gleich, mit zunehmendem Tempo auf einer Schiene aufeinanderzurasen. Angesichts dessen, was sich da anbahnen könnte, sind Worte wie Verwirrung und Verzerrung direkt lächerlich, und wer von einer drohenden Katastrophe spricht, verharmlost die Aussichten immer noch drastisch.
© 2001 - 2005 tachles Jüdisches Wochenmagazin

Letzte Änderung am Samstag, 5. Juli 2008 um 21:54:37 Uhr.

zum Seitenanfang

Weitere Berichte:

zum Seitenanfang
Druckbare Version
Beitritt zum IRK noch im Dezember
Botschafter besucht Spion Pollard im Gefängnis