Mordechai Vanunu
Wenn am 21. April der kleine, untersetzte Mordechai Vanunu nach 18-jähriger Haft durch das Tor des Gefängnisses von Ashkelon hinaus in die Freiheit tritt, werden zahlreiche Anti-Atom-Aktivisten auf ihn warten.
von Yoel Cohen
Für die meisten von Vanunus Sympathisanten - die Mehrheit wird aus Ländern wie den USA, Grossbritannien, Italien, Norwegen, Japan oder Australien angereist kommen - wird der Tag der Freilassung das erste Treffen mit einem Mann sein, der für sie zu einem Symbol des nuklearen Widerstandes geworden ist. Sie haben für ihn lobbyiert, doch näher als zu einem Briefwechsel sind sie ihm dabei nicht gekommen. Eine Ausnahme bilden Nick und Mary Eoloff, ein pazifistisch-anglikanisches Paar aus Minnesota, das Vanunu adoptiert hat. Sogar die israelischen Gefängnisbehörden haben die Eoloffs als Vanunus Eltern anerkannt und ihnen gelegentliche Besuche gestattet.
Welche Art von Freiheit soll Vanunu gewährt werden? Yehiel Horev, der Chef-Sicherheitsbeamte des Verteidigungsministeriums, befürwortet die Verhängung der Administrativhaft gegen den Mann, während Menachem Mazuz, der neue Rechtsberater der Regierung, an weniger drastische Massnahmen denkt: Verweigerung der Abgaben eines Reisepasses an Vanunu und Auferlegung von Beschränkungen im Zusammenhang mit nuklearen Themen. Die Vanunu-Lobby verfolgt diese Diskussion mit wachsender Sorge, wobei sogar Mazuz nicht ausschliesst, dass Israels derzeit wohl berühmtester Häftling (zusammen mit Rabin-Mörder Amir) zu guter Letzt einen Pass bekommen wird, wenn er sich "regelkonform" verhält. Als Vergleich wird der Fall des ehemaligen Sowjetspions Markus Klingberg genannt, der heute nach Verbüssung einer langen Haftstrafe bei seiner Tochter in Paris lebt.
Bis zum letzten Jahr bestanden unter Anhängern Vanunus kaum Zweifel, dass ihr Schützling im Jahre 2004, wenn er seine 18-jährige Strafe verbüsst haben würde, in den USA ein neues Leben beginnen wird. Schon vor langem hat sich der Mann von allem Israelischen und Jüdischen losgesagt. Im Gefängnis hatte er sich geweigert, irgendetwas in hebräischer Sprache zu lesen. Er will sich zum Geschichtslehrer ausbilden lassen. Seine Äusserungen gegenüber amerikanischen Brieffreunden, nach seiner Freilassung werde er sich dem antinuklearen Kampf anschliessen, brachte die Sicherheitsabteilung des israelischen Verteidigungsministeriums auf die Barrikaden.
Reaktion auf Bewegungseinschränkung
Auch wenn Premier Sharon und Verteidigungsminister Mofaz die drastischen, von Horev vorgeschlagenen Schritte ablehnten und die Ansicht vertraten, dem Mann sollte Gelegenheit geboten werden, Verantwortungsbewusstsein zu zeigen, machen Vanunus Anhänger keinen Unterschied zwischen diesen beiden innerhalb der Jerusalemer Regierung vorhandenen Ansichten. Solange Vanunu keine Bewegungsfreiheit hat und beispielsweise nicht ins Ausland reisen kann, werden diese Einschränkungen als weitere "Inhaftierung" durch Israels Sicherheitsbehörden angesehen.
Wie werden Vanunus Anhänger auf mögliche Einschränkungen in seiner Bewegungsfreiheit reagieren? Die Antwort muss differnziert betrachtet werden: da sind die Reaktion von Vanunu-Aktivisten im Ausland, von Vanunus Freunden in Israel und jene der "Sunday Times". Im Verlaufe der Jahre bildeten sich einige dutzend Kampagnen in aller Welt heran, die gegen Vanunus Haftbedingungen protestierten. Die grössten dieser Kampagnen sind in den USA, Grossbritannien, Australien, Kanada, Deutschland, Italien und Norwegen tätig, während es in Frankreich, Schweden, Belgien, Japan, Irland und Portugal kleinere Gruppen gibt. Immer am 30. September pflegen diese Gruppen der Entführung Vanunus durch den Mossad-Geheimdienst im Jahre 1986 mit Veranstaltungen und Demonstrationen vor israelischen Botschaften zu gedenken.
Das Ausmass und die Wichtigkeit der Supportergruppen für Vanunu dürfen nicht überschätzt werden. Die grössten Gruppen sind in den USA, doch auch diese umfassen nicht mehr als je 1000 Aktivisten. Jede Kampagne hat ihre eigene Geschichte und benutzt andere Taktiken. Da die "Sunday
Times" die Story 1986 als erste brachte, bildete sich die erste Gruppe auch in Grossbritannien. Während Jahren veranstaltete die Gruppe immer am Samstag eine Protestwache vor der israelischen Botschaft. Zu ihren Mitgliedern zählen Leute wie Harold Pinter oder Susannah York und altgediente Aktivisten der Campaign for Nuclear Disarmament (nukleare Abrüstung).
Die amerikanische Kampagne nahm ihre Tätigkeit erst 1992 auf, und im Geiste anderer Aktivitäten gegen die US-Atombombe ist sie geprägt von Protestaktionen, zu denen auch Demonstrationen auf dem Gelände israelischer Konsulate mit anschliessenden Verhaftungen zählen. In den letzten fünf Jahren hat der Koordinator der Kampagne, der inzwischen verstorbene Sam Day, ein US-Journalist und Sohn eines Diplomaten, den Schwerpunkt der Aktivitäten auf das Lobbyieren im Kapitol gelegt, da dies seiner Meinung nach die einzige Stossrichtung mit Aussicht auf Erfolg war. 1999 gelang es ihm tatsächlich, 36 demokratische Mitglieder des Repräsentantenhauses zu veranlassen, Präsident Clinton schriftlich zu ersuchen, sich für Vanunus Freilassung einzusetzen. Clinton antwortete: "Wir machen uns Sorgen über Vanunus Lebensbedingungen. Ich teile Ihre Sorgen über Israels Nuklearprogramm. Wir werden fortfahren, das Thema mit Israel zur Sprache zu bringen."
Keine offiziellen Statements
Mit ihrer Adoption Vanunus haben die Eoloffs die Büchse der Pandora geöffnet. Sollte nämlich der Atomspion keine Erlaubnis erhalten, Israel zu verlassen, könnten die Adoptiveltern die US-Regierung um Intervention zwecks Familienvereinigung ersuchen. Israelische Offizielle sind aber zum Schluss gelangt, dieser Schaden wäre geringer als der diplomatische Schaden, der entstehen könnte, wenn Vanunu in den USA etwa vor dem Kongress über seine Arbeit am Reaktor von Dimona aussagen sollte. Laut dem aus dem Jahre 1976 stammenden Symington-Gesetz darf die amerikanische Bundesregierung keinem Drittland Hilfe gewähren, das ein Nuklearprogramm betreibt, das nicht einer internationalen Kontrolle unterstellt ist. Und im Rahmen der so genannten Nixon-Meir-Übereinkunft aus dem Jahre 1969 haben US-Präsidenten seither davon Abstand genommen, Israel wegen seines Atomprogramms unter Druck zu setzen. Allerdings darf Israel hinsichtlich seiner nuklearen Kapazität keine offiziellen Statements abgeben und auch keine Atomtests durchführen. Die Amerikaner argumentieren, man könne von Israel nicht erwarten, auf seinen "nuklearen Schutzschirm" zu verzichten und gleichzeitig den jüdischen Staat bedrängen, die Gebiete zu verlassen. Vor diesem Hintergrund ist es fraglich, ob die US-Regierung die Ankunft Vanunus an ihren Gestaden begrüssen würde.
Begnadigung verlangt
In Australien, wo Vanunu vor seinem Gang zur Londoner "Sunday Times" während rund neun Monaten lebte, nachdem er Israel 1985 verlassen hatte, konzentrierte sich ein Teil der Unterstützung für ihn rund um die St.-John's-Kirche in Sydney, wo Vanunu sich taufen liess. 1988 verabschiedete das australische Parlament eine die Freilassung Vanunus fordernde Resolution. In Italien, von wo aus der Mossad Vanunu dem Vernehmen nach entführt hatte, war die Kampagne mal mehr, mal weniger aktiv. Hin und wieder verlangte das Comitato Liberta per Vanunu, zu dessen Gründern einige linksgerichtete Senatoren und ein ehemaliger Oberrichter gehörten, eine Untersuchung über die Umstände, die zum Verschwinden des Mannes von italienischem Territorium geführt haben. Eine der vier vom Europaparlament verabschiedeten Resolutionen in Bezug auf Vanunu forderte Israels Ministerpräsidenten auf, den Mann zu begnadigen. Gewisse Kirchen gehören zu den wichtigsten Stützen Vanunus. Einen Monat vor seinem Gespräch mit der "Sunday Times" konvertierte er zum Christentum, und ein Pastor der Anglikanischen Kirche in Jerusalem besucht Vanunu regelmässig in seiner Zelle, um die Messe zu zelebrieren. Das und die Tatsache, dass einige Kirchen seit langem schon gegen die Atombombe Sturm laufen, hat weite Sympathien für Vanunu in kirchlichen Kreisen geschaffen. Im Jahr 2000 wählte die Humanistische Kirche von New York Vanunu zum Humanisten des Jahres, und die sehr aktive Episkopalische Kirche verlieh ihm die internationale Auszeichnung für "mutigen und bewussten Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit". Andrerseits widerstand der Erzbischof von Canterbury dem Ersuchen der britischen Kampagne, teilweise weil er einem potenziellen Konflikt mit Israel und der jüdischen Gemeinde aus dem Wege gehen wollte. Jüdische Gruppen zögerten, sich für Vanunu einzusetzen. Das könnte ebenso mit dessen Konversion zusammenhängen als auch mit dem allgemeinen Unwillen, Israel zu kritisieren. In Amerika stellte sich Jewish Peace Felllowship hinter Vanunu, ebenso wie einige Reformrabbiner.
Vanunu, der regelmässig für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wird, hat schon Preise verschiedener Friedens- oder Antinuklear-Organisationen erhalten. 2001 verlieh ihm die Universität des norwegischen TromsØ einen Ehrendoktortitel. Trotz einer langen Liste von Sympathiebekundungen und Auszeichnungen gelang es Vanunu im Gegensatz zu Sharansky oder Mandela nicht, sich einen zentralen Platz in der internationalen öffentlichen Meinung zu ergattern. Das hängt teilweise damit zusammen, das Israels Nuklearprogramm nicht zu einem zentralen aussenpolitischen Thema geworden ist. Die USA und westeuropäische Regierungen haben es, wie schon gesagt, abgelehnt, Israel zu zwingen, seinen "nuklearen Schutzschirm" aufzugeben.
Im Laufe der Jahre warfen zwar eine Anzahl Regierungen gegenüber Israel die Frage von Vanunus Haftbedingungen auf, doch nur gerade Norwegen forderte seine Freilassung. Vor dem Hintergrund seiner speziellen Rolle beim Zustandekommen der Osloer Verträge brachten die Premier- und Aussenminister Norwegens das Thema Vanunu sowohl gegenüber Rabin als auch gegenüber Netanyahu zur Sprache. Nicht einmal Grossbritannien und Italien, von wo aus Vanunu nach Hause entführt worden war, forderten seine vorzeitige Entlassung. Wird sich an dieser Haltung nun etwas ändern, nachdem Vanunu seine Strafzeit abgesessen hat? Werden Regierungen sich dafür einsetzen, dass Vanunu Israel verlassen darf? Falls er in anderen Rechten, wie dem Recht, nukleare Themen zu diskutieren, nicht eingeschränkt wird, könnte die Frage der Auslandsreisen in der internationalen Meinung zwischen Stuhl und Bank fallen.
Sympathie in Israel mässig
War die Unterstützung für Vanunu im Ausland schon beschränkt, muss sie gar als marginal bezeichnet werden, wenn es um die Unterstützung in Israel selber geht. Die israelische Vanunu-Kampagne, die kurz nach der Anklageerhebung lanciert wurde, umfasst heute nur gerade 500 Mitglieder. Trotz einer wachsenden Unterstützung in Israel für den Besitz und sogar die Stationierung der Atombombe, befürwortet man heute die nukleare Geheimniskrämerei immer weniger, und das war Vanunus Hauptmotiv. Die Unterstützung der Geheimhaltung ging von 78 Prozent im Jahre 1987 auf 62 Prozent im Jahre 2002 zurück. Dennoch lässt sich auch heute keine Massensympathie für Vanunu und sein Recht auf Auslandsreisen feststellen. Sogar die liberale Zeitung "Haaretz" ist eher dafür, dass sich die Bewegungsfreiheit des Mannes innerhalb der Staatsgrenzen abspielt. Vanunu hat zwar erklärt, keine vertrauliche Informationen mehr zu besitzen, deren Enthüllung sich lohnen würde. Für die "Sunday Times" dagegen trifft das nicht zu. Vanunus auf Tonband aufgenommene Zeugenaussagen umfassen im Ganzen rund 60 000 Worte. Nur ein Zehntel davon wurde für die ursprünglichen Artikel benutzt. Das Blatt wollte sowohl mehr Berichte publizieren als auch zusammen mit Vanunu ein Buch über das Nuklearprogramm schreiben, doch seine "Quelle" wurde gekidnappt, was die Überprüfung von Informationen verunmöglichte. Israel sollte die Gewährung der vollen Bewegungsfreiheit für Vanunu an die Rückgabe der Tonbänder durch die "Sunday Times" und die Verpflichtung der Zeitung knüpfen, keine von Vanunu erhaltenen Informationen über Israels Atomprogramm mehr zu veröffentlichen. Die Aussichten darauf, dass die Londoner Zeitung dem Ansinnen stattgeben wird, sind grösser als allgemein angenommen. Vergessen wir nicht, dass zu den Freunden Rupert Murdochs, des Besitzers der "Sunday Times", viele hochrangige Likud-Politiker zählen, unter ihnen Ariel Sharon und Binyamin Netanyahu.
Der Autor ist der Verfasser der Bücher "The Whistleblower of Dimona: Israel, Dimona & the Bomb" (Holmes & Meier) und "Die Vanunu-Affäre: Israels geheimes Atompotential" (Palmyra Verlag).
Vanunu nach 18 Jahren stolz auf seine Tat
Mordechai Vanunu, der vor 18 Jahren Israels Atomgeheimnis verriet, verließ mit dem „V“-Siegeszeichen das Gefängnis in Aschkelon und erklärte: „All denen, die mich Verräter nennen, sage ich: Ich bin stolz auf das, was ich getan habe! Ich habe aber keine weiteren Geheimnisse!“ Er wurde von zumeist ausländischen Bewunderern mit dem Zuruf „Held!“ empfangen, während Israelis ihn mit „Verräter!“ beschimpften. Jedoch gab es auch nicht wenige Israelis, die Vanunu zujubelten. Vanunu, der, bevor er zum Verräter wurde, zum Christentum übergetreten war, fuhr vom Gefängnis in Begleitung des anglikanischen Bischofs Abu El-Assal zur Ost-Jerusalemer St.-George-Kirche, wo er im dortigen Gästehaus seine erste Nacht in Freiheit zubrachte.
Justizminister droht erneut Gefängnis
Israels Justizminister Josef (Tommy) Lapid nannte Mordechai Vanunu einen Verräter und warnte ihn dass er wieder in Haft kommen würde, sollte er die ihm auferlegten Einschränkungen übertreten. „Vanunu hat sein Land sein Volk verraten. Er ist der Liebling der radikahlen Linken, jedoch kein Idealist, da er die israelischen Staatsgeheimnisse über Atomwaffen für Geld weitergab. Feinde des Staates schleichen nun um Vanunu herum. Wie kann es sein, dass Israelis ihn einen Held nennen, darüber sollten wir uns ernsthaft Gedanken machen.“
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