Sderot und die Raketen

Vor sich hin dösen Nicht nur zur Mittagszeit, wenn es oft unerträglich heiss ist, döst Sderot vor sich hin. Wirtschafts- und Sicherheitsprobleme ersticken die Initiativen. Und dann kam jener Tag, der 28. Juni 2004.

Der Tag, der niemals vergessen wird

Mordechai Yosepov

 

Afik Zahavi

 

Mit freundlicher Unterstützung

© Botschaft des Staates Israel / Abteilung Öffentlichkeitsarbeit

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Zwar sind während der Intifada in der Stadt Sderot schon Hunderte von palästinensischen Kassem-Raketen niedergegangen, doch letzte Woche mussten erstmals zwei Tote beklagt werden. Das wachsende Sicherheitsrisiko verschärft die ohnehin schon gravierenden Wirtschafts- und Gesellschaftsprobleme. Ein Augenschein vor Ort.

Von Jacques Ungar

Erst nach drei Tagen hörte ich auf, bei jedem Geräusch in den Himmel hinauf zu blicken." Leah ist Sozialarbeiterin in der südisraelischen Stadt Sderot und hat alle Hände voll zu tun, seit anfangs letzter Woche eine vom benachbarten palästinensischen Bet Hanoun aus abgefeuerte Kassem-Rakete die ersten zwei Todesopfer seit Ausbruch der Intifada Ende September 2000 in Sderot gefordert hatte: Der noch nicht vierjährige Afik Zehavi und Mordechai Yossipow, 49, wurden durch die Splitter des Geschosses getötet. Leah ist beileibe kein Einzelfall. Der Blutzoll von letzter Woche ging der gesamten Bevölkerung von Sderot - im Ort leben rund 23 000 Menschen - richtig unter die Haut. Bisher haben die über 100 Kassem-Raketen, die im Einzugsgebiet der Stadt niedergegangen sind, die Leute eher gleichgültig gelassen. Man gewöhnte sich nach und nach an die mangelnde Treffsicherheit der Geschosse und daran, dass sie nur in ihrer unmittelbaren Umgebung Schaden anrichteten. "Das hat sich nun aber gründlich geändert", betont Yossi Cohen, Anwalt und Sprecher der Stadtverwaltung. "Die Nasser 3, wie die am letzten Montag eingeschlagene Rakete heisst, hat eine höhere Zielgenauigkeit, kann mehr Sprengstoff transportieren, was die Explosion kräftiger und damit den Schadensradius grösser macht. Die Palästinenser verbessern ihre Leistungen laufend, und ein Abzug der Armee aus dem Gazastreifen wird daran nichts ändern, im Gegenteil." Die israelische Armee könne die Raketenangriffe unterbinden, solange sie ihre Stellungen in und um Bet Hanoun halte, doch "internationaler Druck" werde, so Cohen, die IDF-Truppen früher oder später zum Abzug zwingen. Und spätestens dann würden die Raketen wieder auf Sderot fallen. Zu Fuss muss man bis zum Gazastreifen zwei Kilometer zurücklegen, in der Luftlinie sind es dagegen nicht mehr als 800 bis 1000 Meter. "Nicht einmal ein Katzensprung", meint Yossi Cohen mit Galgenhumor.
"Schmerz, Angst, Zorn und sogar der Wunsch, die Koffer zu packen und zu gehen, sind die häufigsten Gefühlsausbrüche, mit denen wir uns zu befassen haben", erklärt Leah, die selber in Sderot geboren wurde und dort auch aufgewachsen ist.

Vor allem junge Ehepaare mit kleinen Kindern seien mit einem Male nicht mehr so sicher, ob Sderot das höchste ihrer Gefühle sei. "Wichtig ist", fügt sie hinzu, "zuzuhören, präsent zu sein und bei der Verarbeitung der Trauer zu helfen." Ron Polett, 41, wirkt ebenfalls als Sozialarbeiter in Sderot, und das schon seit 15 Jahren. Die Absicht, den Ort wegen der eskalierenden Gefahr zu verlassen, haben laut seinen Beobachtungen nur etwa fünf Prozent der Ratsuchenden geäussert. "Wer einmal in Sderot gelandet ist, der kann auch gar nicht so einfach seine Siebensachen packen und an irgendeinen anderen Ort in Israel ziehen", gibt er zu bedenken. "Wer hier wohnt, gehört fast immer sozial schwächeren Schichten an. Wir haben einen hohen Prozentsatz an Familien mit einem alleine erziehenden Elternteil. Je beschränkter die Mittel, umso vielschichtiger die Probleme." Im Vordergrund stünde hier die prekäre Wirtschaftslage - mit 13 Prozent liegt die Arbeitslosigkeit hier deutlich über dem Landesdurchschnitt -, wobei in einzelnen Familien echter Hunger herrsche. "Die eskalierende Raketengefahr", meint Ron, "ist sozusagen der Tropfen, der das Fass fast zum Überlaufen bringt. Nach dem Niedergang letzte Woche besuchten wir alle Wohnhäuser im direkten Umfeld des Geschehens. Die Angst war sehr gross, aber wir stellten auch eine unheimliche Wut auf die Rettungsorganisationen und damit auf die Regierung fest. Bemängelt wurde, dass es sehr lange dauerte, bis die Helfer an Ort und Stelle waren. Die Frage, die wir im Gegensatz zu früheren Zwischenfällen am meisten zu hören bekamen, war: ‹Wer sagt, dass das nicht auch mir geschehen kann?›." Die Situation erhöht laut Ron zweifelsohne den Druck auf die einzelnen Familien, doch gebe es auch positive Erscheinungen: "Die Gruppensolidarität wird stärker, und der (Über-)Lebenswille festigt sich. Wir sind uns im Klaren, dass unsere Antworten keine Lösungen sein können, aber wir stärken das Gefühl der Sicherheit, das Gefühl der Menschen, nicht alleine zu sein und eine Schulter zu haben, an der sie sich anlehnen können." Leah bestätigt Rons positive Schlussfolgerungen: "Die Menschen kehren allmählich zur Normalität zurück. Sie glauben an die Kraft des Lebens."

"Wo sollte ich auch sonst leben?"

Diesen Eindruck vermittelt uns auch Ben Ami, der vor 14 Jahren aus Äthiopien nach Sderot kam. "Angst habe ich nicht vor den Raketen", erklärt der Schlosser freimütig, den wir beim Kindergarten "Lilach" am Einschussort der Nasser 3 treffen. "Und wo sollte ich auch hingehen?", fügt der Vater von sieben Kindern hinzu, der sich in einem Ort im Zentrum des Landes wohl kaum eine Vier-Zimmer-Wohnung leisten könnte. Seine Meinung über die Bewohner des Gazastreifens ist ebenso simpel wie schockierend: "Die Regierung sollte ihnen die Köpfe zerschmettern, wann immer sie sich regen." Zwei von Ben Amis Kindern im Alter von zwölf und zehn Jahren hatten übrigens die Rakete kommen sehen. "Sie sind weggerannt, glücklicherweise in die richtige Richtung." Während wir mit dem in Sderot offenbar zufriedenen äthiopischen Immigranten sprechen, hält ein Kleinlastwagen der Stadtverwaltung, und die Eisenabschrankungen rund um die Sitzbank, auf der Mordechai Yossipow sterben musste, werden aufgeladen und abtransportiert. Jetzt erinnern nur noch ein bescheidenes Einschlagloch, ein arg beschädigtes Auto und ein einfaches Kartonschild mit den Namen der beiden Opfer an den Albtraum von Sderot. Die meisten der Gedenkkerzen unter dem Schild sind bereits erloschen, und ein paar daneben liegende Blumen machten einen mehr als verwelkten Eindruck.

Rückkehr zur Routine? Israel, ein jugendlicher Gelegenheitsarbeiter (er selber bezeichnete sich allerdings selbstbewusst als Bauunternehmer), und Yefet, ein Gartenarchitekt, wollen diesen Eindruck noch so gerne bestätigen: "Wir lassen uns von niemandem verjagen. Hier ist unsere Heimatstadt, und hier bleiben wir. Wer wirklich arbeiten will, der findet immer einen Job." Unter der Oberfläche sehen die Dinge aber schon nicht mehr so rosig aus. Israel, der in zwei Monaten unter die Fahne gerufen wird, gibt zu, kaum Arbeiter zu finden ("Araber beschäftige ich aus Prinzip nicht"), und Yefet meint, wenn er alle zwei bis drei Monate einen neuen Garten anlegen könne, müsse er schon zufrieden sein. Wir hatten die beiden in einem Strassenrestaurant nahe dem Rathaus gefunden. Die Falafel- und Shawarmastube lief gut (vor allem "Take Away" war sehr gefragt), die Bedienung gab sich beim Auftauchen von zwei Gästen aus der "grossen weiten Welt" besondere Mühe, und das Essen mundete. Sonst aber döste Sderot in der Hitze vor sich hin. Ob das die Erholung von den letzten Raketen oder das apathische Warten auf die nächsten Geschosse war, konnten wir nicht ausmachen. Der dramatischste Zwischenfall während unseres Aufenthalts in dieser von Premier Sharon zur "Frontstadt" deklarierten Ortschaft war jedenfalls der misslungene Versuch des städtischen Kehrichtwagens, ein falsch parkiertes Taxi zu überfahren. Aber sogar die im restlichen Israel normalerweise sehr rasch zum lautstarken Strassentheater ausartende Wortschlacht zwischen den beiden Fahrern wurde hier nur halblaut geführt und erstarb schon nach wenigen Minuten.

Animositäten und Einsicht

Nicht, dass es in Sderot überhaupt keine Temperamentsausbrüche zu verzeichnen gäbe. Shalom Halevi etwa, ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung, der sein hellbraun-weisses Kopfhaar zu einem neckischen Rosschwanz zusammengebunden trägt, macht aus seinem Herzen keine Mördergrube: "Die Palästinenser werden sich nicht mit unserem Abzug aus dem Gazastreifen begnügen. Als Kind lebte ich in Rehovot, und als die Engländer abzogen, meinten die Araber aus den umliegenden Dörfern, sie würden bald kommen, um uns abzuschlachten. An dieser Grundeinstellung hat sich bis heute nichts geändert." Ron, der Sozialarbeiter, sieht das etwas differenzierter. Zwar wohnt er heute in der Siedlung Ele Sinai im Gazastreifen, doch macht er keinen Hehl daraus, dass er vor allem aus Gründen der Lebensqualität dorthin gegangen sei, nicht aus ideologischen Überlegungen: "Das Siedlungswerk ist an seinem Ende angelangt, und zwar als vollständiges Fiasko. Zum Wohle der israelischen Gesellschaft würde ich Ele Sinai räumen, denn für den Rückzug aus dem Gazastreifen gibt es im Volk eine klare Mehrheit."

Die Ernennung Sderots zur "Frontstadt" und die vom Regierungschef gemachten Hilfszusagen reissen Yossi Cohen nicht vom Stuhl: "Ich glaube diesen Versprechungen nicht. Das Finanzministerium und die generelle Bürokratie sorgen schon dafür, dass nichts oder nur das Wenigste in Erfüllung geht. Das kennen wir aus der Vergangenheit zu Genüge." Sharons Rückzugsplan hält er für schlecht, denn der Plan sehe aus wie eine Flucht und würde die Gegner nur noch mehr motivieren. "Zweifelsohne werden so lange weitere Raketen auf unsere Stadt fallen, wie die Regierung die Sache nicht entschieden an die Hand nimmt." Nötigenfalls wäre laut Cohen sogar eine Wiederbesetzung des Gazastreifens in Erwägung zu ziehen. Die Antworten des Sprechers auf unsere Fragen kommen recht stockend, denn ohne Unterbruch läuten diverse Telefon- und Faxapparate. Für die Trauerhäuser der beiden Opfer müssen Stühle und Tische organisiert werden, soll später am Tag doch einer der Oberrabbiner zu Besuch kommen. Der Leiter des Safariparks bei Ramat Gan will Kinder von Sderot zu einem Besuch einladen, und so weiter. "Ich bin Anlaufstelle für alle Probleme und Wünsche", meint Cohen, der trotzdem aber noch Zeit und Musse findet, regelmässig Ferien in der Schweiz und in Frankreich zu machen. "Wenn hier etwas geschieht, werden wir überschwemmt mit besorgten Anrufen und Briefen von Freunden aus Deutschland und Frankreich. Von der Schweiz haben wir bisher aber noch nichts gehört", wirft er mit einem Ton des Bedauerns ein. Nach dem letztwöchigen Niedergang der Raketen lieferte das israelische Gesundheitsministerium endlich die dringend benötigte Ambulanz nach Sderot, doch das sei nicht viel mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein: "Wir brauchen dringend ein Behandlungszimmer mit Arzt für Notfälle", sagt Cohen, der auch die Armut seiner Mitmenschen nicht vergisst: "Regelmässig werden in den Synagogen Prospekte für koschere Ferien in der Schweiz verteilt. Eine Woche kostet etwa 1000 Euro. Wie sollen die Einwohner von Sderot sich so etwas leisten, wenn sie nicht einmal die 350 Schekel aufbringen können, um eines ihrer Kinder hierzulande in ein Feriencamp zu schicken?"

Vor einigen Jahren schrieb ich einmal nach dem Besuch von Kiryat Shmone im Norden Israels, die Stadt habe es im Grunde genommen den aus dem Libanon abgefeuerten Katyusha-Raketen zu verdanken, dass der Rest des Landes und die Regierung sich überhaupt an ihre Existenz erinnert hat. Diese Überlegung mag nicht ganz frei von einem zynischen Unterton sein, doch die palästinensischen Kassem-Raketen erfüllen für Sderot eine ähnliche Rolle.


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