Das «Spiel der Wahrheit»



Jüdische Sportfans in der Schweiz werden dem Samstag, 9. Oktober, mit zwei Herzen in einer Brust entgegenfiebern. Denn erstmals trifft im Rahmen der WM-Qualifikationskampagne Israel in Ramat Gan auf die Schweiz. Sowohl für die «Nivcheret» (Auswahl) wie auch für die Schweizer wird es das «Spiel der Wahrheit».

Sowohl Israel wie auch die Schweizer haben in ihrer bisherigen WM-Qualifikationskampagne einen Pflichtsieg gegen einen Aussenseiter der WM-Gruppe als auch ein viel beachtetes Remis gegen einen der Favoriten erreicht. Für die Schweiz wird es der erste grosse Leistungstest in einem Auswärtsspiel gegen einen Mitaspiranten um einen der begehrten ersten zwei Ränge der Gruppe sein. Die «Kwuza» indessen erhofft sich mit einem Heimsieg die Erhaltung der Tabellenführung und einen kleinen Vorsprung im Direktduell auf einen der vermeintlichen Hauptkonkurrenten im Kampf um die WM-Teilnahme 2006.

Bei der Equipe um Cheftrainer Avraham Grant herrscht Optimismus nach dem überraschenden 0:0-Remis in Paris gegen Frankreich und dem glücklichen, aber verdienten 2:1-Sieg über Zypern. Doch erst das Spiel gegen die Schweiz soll die wahre Stärke der Israeli aufzeigen, denn gegen Frankreich erreichte man den Punktgewinn mit einer taktischen Meisterleistung, während das Zypern-Spiel kaum Aufschluss der Stärkeverhältnisse aufzeigen konnte. Zu viel Krampf und Kampf und zu wenig spielerische Mittel führten zum knappen Sieg gegen die ultradefensiv eingestellten Insulaner. Die Schweiz ist da ein anderes Kaliber, welches in Ramat Gan einlaufen wird. Gegen diesen Gegner können die Spieler um Avraham Grant wohl mehr den Ball laufen lassen und den offenen Schlagabtausch suchen als gegen Zypern. Das kommt vor allem den konterstarken Stürmern Avi Nimni, Yaniv Katan und Omri Afek zugute, während auch für Spielmacher und Herz der Mannschaft, Yossi Benayoun, wohl genügend Räume frei werden, um seine Stärken als Ballverteiler und Offensiv-Mittelfeldspieler hinter den Spitzen auszuspielen.

Kompaktheit und Kreativität

Das Markenzeichen der israelischen Nationalmannschaft unter der Führung von Avraham Grant im Vergleich zur Mannschaft, welche unter Möller-Nielsen sich bereits an die europäische Spitze herantastete, ist besonders in der Defensivtaktik zu finden. Grant duldet keine «Extrawürste» oder Eskapaden. Defensive Taktik und Fehlerminimierung sind oberstes Gebot. Man versucht, anders als in der nahen Vergangenheit mit dem Trainer-Vorgänger, einen «abgeklärten, erfolgsorientierten Fussball zu spielen». Möller-Nielsens Mannschaft, damals noch mit beliebten, aber nicht immer pflegeleichten Zugpferden wie Haim Revivo, Eyal Berkovich oder Alon Misrahi (aber bereits mit dem jungen, aufstrebenden Yossi Benayoun und Stürmertalent Idan Tal), war offensiv orientiert und agierte ziemlich attraktiv. Man gewann viele Spiele in attraktiver Manier. Aber sie zeigte grosse Schwächen im defensiven Mittelfeld und in der Abwehr, was ihr zweimal knapp vor Erreichen eines grossen Zieles den Erfolg kostete. Avraham Grant lässt viel verhaltener spielen und verlässt sich in erster Linie auf die defensiv starken Abwehr- und Mittelfeldspieler: Benado, Ben Haim (neuer Star im israelischen Fussballhimmel) und Keise sowie den einzigen arabischen Israeli im Nationalteam, Valid Badir, der sowohl defensiv wie auch offensiv Wirkung zeigen kann.

Dennoch, und das ist eine immerwährende Tradition im israelischen Fussball, haben das Angriffsspiel und die Kreativität im Mittelfeld und im Sturmzentrum ihre Stars: Yaniv Katan, Avi Nimni, Omri Afek (Salamanca, Primera Division) und vor allem Yossi Benayoun stehen für pure Lust auf Angriffsfussball und Kreativität auf dem Rasen. Speziell Benayoun (Spanien-Legionär bei Racing Santander), der schon als 18-Jähriger in die «Kwuza» kam und als Jüngling bereits die Scouts Europas begeisterte, zieht meisterlich die Fäden im Mittelfeld und ist der Ideengeber und Initiator der meisten Offensivbemühungen.

Aufregung um Berkovich

Auch sein Verjüngungsprozess und der damit einhergehende Einbau neuer Nachwuchsstars zeigt Wirkung auf den israelischen Fussball: So sind Spieler wie Tamir Cohen und Elad Bonfeld, Omri Afek oder der junge Holtsmann im Kader, und auf diese Generation wird mehr gesetzt als auf die «ungemütlichen» und in den letzten Jahren arrogant gewordenen «Altstars». So sind Avi Nimni, Yossi Benayoun, Idan Tal, Adoram Keise, Arik Benado und Valid Badir sowie Goalie Nir Davidovich die einzigen aus der Supermannschaft von 1999 und 2000, welche unter anderem Österreich mit 5:0 schlug, im Kader geblieben. Und Avi Nimni, der Stürmerstar, hatte sich auch schon mit Trainer Grant überworfen und kam nur auf Druck der Öffentlichkeit und wegen seiner Topleistungen wieder zurück in die «Nivcheret». Heute spielt er sozusagen in der «Probezeit».

Zwei ehemalige Superstars indessen haben in den Plänen von Nationalcoach Grant nichts mehr zu suchen: Haim Revivo und Eyal Berkovich. Besonders der «Fall» um Publikumsliebling Berkovich gibt zu reden: Der Premier-League-Star (Portsmouth) ist bei Grant in Ungnade gefallen, weil dieser ihn für zu unkonstant und egoistisch einschätzt. Im taktischen Konzept spiele so ein Mann keine Rolle, sagt Grant. Die Fans können dies nicht verstehen und machen Druck auf den Nationaltrainer: Laut einer Umfrage in einer grossen israelischen Zeitung wollen 85 Prozent der Befragten die Berücksichtigung von Eyal Berkovich im Team. Dies kratzt Avraham Grant allerdings herzlich wenig.

Die Länderspiele Schweiz–Israel

14. Februar 1968
Israel–Schweiz 2:1 (1:0)
Tel Aviv. – 8000 Zuschauer. – SR d'Agostini (It). – Tore: 41. Spiegler 1:0. 49. Künzli 1:1. 70. Spiegler 2:1. – Bemerkung: Länderspieldebüt von Paul Marti (YB). – Coach: Erwin Ballabio.
Schweiz: Kunz (46. Barlie); Michoud; Pfirter, Marti, Perroud; Odermatt, Citherlet, Dürr; Amez-Droz (46. Zappella), Künzli, Quentin, Kuhn.

19. Mai 1987
Schweiz–Israel 1:0 (0:0)
Brügglifeld, Aarau. – 3500 Zuschauer. – SR Constantin (Bel). – Tor: 66. Bonvin 1:0. – Bemerkungen: Schweiz ohne Brigger und Halter (verletzt). 75. Länderspiel von Heinz Hermann. Coach: Daniel Jeandupeux.
Schweiz: Brunner; Geiger; Marini, Weber, Ryf; Koller, Bregy (87. Bamert), Hermann; Zuffi (82. Matthey), Beat Sutter, Bonvin (78. Mottiez).

16. Dezember 1987
Israel–Schweiz 0:2 (0:1)
Tel Aviv. – 3000 Zuschauer. – SR Lo Bello (It). – Tore: 37. Beat Sutter 0:1. 61. Bonvin 0:2. – Coach: Daniel Jeandupeux.
Schweiz: Brunner; Geiger; Weber, Schällibaum (35. Hertig); Koller (62. Andermatt), Hermann, Bickel (79. Bamert); Beat Sutter, Zwicker, Bonvin.

Köbi Kuhns Israel-Erfahrungen

1968 musste die Schweiz zweimal gegen Israel antreten. Ein Spiel gewann Israel mit 2:0 und der Doppeltorschütze hiess damals Mordechai Spiegler, später der umjubelte Held beim 1:1 gegen Schweden an den Weltmeisterschaften 1970 in Mexiko. Im Team der Schweiz stand 1968 aber vor allem auch der aktuelle Schweizer Nationalcoach Köbi Kuhn. Mordechai Spiegler wurde mit seinen 39 Toren in 82 Länderspielen für Israel der erste «grosse Star» dieses Sports in seinem Lande. Auch Köbi Kuhn feierte als Spieler zu dieser Zeit seine grössten Erfolge.

Von Joël Wüthrich - tachles Jüdisches Wochenmagazin

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