„Nukleare Angeberei“

Israel zweifelt an Irans Fähigkeiten

Als „nukleare Angeberei“ wird in Israel die Nachricht des iranischen Präsidenten Ahmadineschad abgetan, Teheran könne nun industriell angereichertes Uran produzieren. Nähere Einzelheiten nannte der Präsident nicht; so ist auch unklar, wie viele Zentrifugen in der zentralen iranischen Urananreicherungsanlage in Natans wirklich in Betrieb sind. Der iranische Präsident hatte in diesem Ort die vermeintliche Inbetriebnahme einer Anreicherungsanlage gefeiert. Nur aus andern Quellen heißt es, die Anlage arbeite mit 3000 Zentrifugen und könne so Nuklearwaffen produzieren.

In den israelischen Zeitungen vom Dienstag werden die neuen Nachrichten aus Teheran kaum gewürdigt; dabei hatte Israel in den letzten Monaten die nukleare Bedrohung Irans zu einem Leitmotiv seiner Außenpolitik gemacht. Schon Ministerpräsident Scharon warnte vor der iranischen Atomgefahr und forderte die Welt auf, wachsam zu sein.

„Sanktionen sind weiter wirkungsvoll“

"Ein gefährlicher Mann": Mahmud Ahmidineschad

Freilich ist Israel selbst auch wachsam, und während vor Monaten noch in Israel die Rede davon war, die Welt müsse sich beeilen, um den Wettlauf gegen die iranische Atomgefahr zu gewinnen, hieß es unlängst, bei der Produktion angereicherten Urans sei es letzthin zu einigen Rückschlägen gekommen, so dass Iran wohl erst in einigen Monaten - „womöglich erst in zwei Jahren“ - in der Lage sein werde, angereichertes Uran industriell herzustellen.

Zu dieser Einschätzung passt die verhaltene israelische Reaktion jetzt. Ein Regierungsvertreter wird in der „Jerusalem Post“ so zitiert: Der iranische Präsident „ist ein gefährlicher Mann. Doch man darf die Tatsache nicht unterschätzen, dass er die Europäer davon überzeugen will, dass es nichts mehr zu tun gibt, um Iran zu stoppen, weil der Iran schon die Schwelle überschritten hat. Dabei stimmt das nicht.“ Israel sei sich ganz sicher, dass Iran nicht besitzt, was es jetzt zu besitzen vorgebe. Iran könne immer noch gestoppt werden. „Sanktionen sind weiter wirkungsvoll und müssen fortgesetzt werden.“

Die israelische Angst hat abgenommen

Während Israel noch vor Monaten immer wieder lautstark vor der iranischen Atomgefahr gewarnt hatte, wurde es letzthin leiser. Bisweilen hatten die letzten Ministerpräsidenten Scharon und Olmert für Unsicherheit gesorgt, weil sie selbst oder andere regierende Politiker in Israel dafür plädiert hatten, die iranischen Atomreaktoren so auszuschalten wie 1981 den irakischen Atomreaktor in Osirak bei Bagdad, der dort mit französischer Hilfe gebaut worden war. Mittlerweile weiß freilich die Öffentlichkeit, dass die iranischen Anlagen nicht nur weiter von Israel entfernt liegen, sondern auch schwerer zu treffen sind: Es gibt mehrere Anlagen, zum Teil auch unterirdische.

Die vormals lauten israelischen Töne führten auch dazu, dass Washington Israel davon in Kenntnis setzte, dass ein israelischer Alleingang nicht gebilligt werden würde. Schon Ministerpräsident Scharon sagte der F.A.Z., die iranische Atomgefahr bedrohe keineswegs nur Israel, wenn auch an erster Stelle. Iranische Raketen könnten neben den arabischen Staaten auch die Türkei und andere Nato-Länder in Europa erreichen. Darum könne sich Israel zurücklehnen und die Welt handeln lassen. Auch Olmert machte deutlich, dass Israel auf der Liste der iranischen Feinde an erster Stelle stehe; doch die sunnitischen Staaten sähen, dass Israel keineswegs das wichtigste Problem der Region sei - sondern eben der iranische Präsident.

Die Region reagiert unruhig

Seit der Bildung des „arabischen Quartetts“ aus Saudi-Arabien, Ägypten, Jordanien und den Emiraten hält sich Israel zurück. Die letzthin beim Gipfel der arabischen Liga in Riad nach 2002 noch einmal aufgelegte „arabische Friedensinitiative“ an Israel wird in Jerusalem auch als eine Frucht der iranischen Bedrohung angesehen. Inoffiziell heißt es, die iranische Atomgefahr treibe die gemäßigten arabischen Staaten geradezu unter den israelischen Atomschirm. Zugleich wird bedauert, dass auch die „israelische Zweideutigkeit“ bei der eigenen Atompolitik ins Gerede gekommen sei und dass Ägypten und Jordanien nun auch Reaktoren bauen wollten.

Es gibt freilich auch eine zweite israelische Debatte zu Iran, jenseits der reinen Militärargumente. Der vormalige Libanon-Berater der israelischen Regierung, Ex-General Lubrani, sagt, Israels Panikmacher erwiesen dem iranischen Präsidenten geradezu einen Gefallen, wenn sie dessen atomare Bemühungen aufbauschten. Dadurch entstehe die psychologische Waffe, mit der Iran die Welt wirkungsvoll beschießen könne. Es sei einseitig, sich in Bezug auf Teheran nur mit dem angereicherten Uran zu befassen.

Ahmadineschad wisse in dieser Frage die Nation hinter sich. Dabei sei der Präsident ein geschwächter Mann. Längst wirkten die Sanktionen und führten dazu, die aufgeklärte iranische Gesellschaft gegen ihn aufzubringen. Lubrani rät dazu, die Widersprüche in der iranischen Gesellschaft zwischen der säkularen Mehrheit und der schiitischen Führungsclique zu schüren; das Potential der sozialen Widersprüche zwischen Arm und Reich zu nutzen. Nur über einen Regimewandel könne Teheran in die Staatengemeinschaft zurückkehren.

Von Jörg Bremer, Jerusalem
Bildmaterial: AFP, dpa

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