Die Golanhöhen
Ist ein israelischer Abzug wirklich unumgänglich?
Seit der Veröffentlichung von Einzelheiten über Geheimkontakte zwischen israelischen und syrischen Unterhändlern ist die Möglichkeit einer Rückgabe der Golanhöhen an Damaskus wieder ins Zentrum des Interesses gerückt. Im Golan sprach "tachles" mit Befürwortern und Gegnern eines Abzugs.
Von Jacques Ungar
Wenn wir uns vor Augen halten, dass die 1154 Quadratkilometer der Golanhöhen gerade mal 0,6 Prozent des gesamten syrischen Territoriums sind und dass die 21000 Golan-Drusen nur knapp 0,1 Prozent der Bevölkerung Syriens ausmachen, dann wird rasch klar, dass es nicht ausschliesslich territoriale oder demografische Argumente sein können, die Damaskus veranlassen, seit Jahrzehnten jede Friedenslösung mit Israel von einer Rückkehr des Golans in den Schoss der syrischen Nation abhängig zu machen. Die Antwort liegt auf der Hand: Ägypten, dem Syrien immer wieder die Vorrangstellung in der arabischen Welt streitig machen will, hat im Rahmen des Friedensvertrags mit Israel die Sinaihalbinsel bis auf den letzten Quadratmillimeter zurückerhalten. Will die syrische Führung ihre Glaubwürdigkeit nicht innen- wie auch aussenpolitisch verlieren, darf sie sich auf kein Angebot einlassen, das weniger beinhaltet als die ägyptische Lösung: Rückkehr des Golans zur syrischen Heimat, und zwar bis zur letzten Erdscholle.
Diese Erkenntnis stand auch im Mittelpunkt der Geheimverhandlungen zwischen syrischen und israelischen Unterhändlern, die sich in der Schweiz getroffen hatten (tachles berichtete). Zwar besassen die Verhandlungspartner kein Mandat ihrer Regierungen, doch haben die offiziellen Stellen in Damaskus und Jerusalem Informationen über alle Details erhalten. Dazu zählt vor allem der immer wieder auftauchende Grundsatz eines israelischen Abzugs vom Golan, was nach einer Übergangsphase von zehn bis 15 Jahren geschehen sollte. Israelischen Bürgern soll weiterhin der Zugang zu den Berghügeln möglich sei, die Rede ist sogar von einen Friedenspark als Treffpunkt der Völker im Golan. Doch letztlich gibt es aus syrischer Sicht an der Tatsache des israelischen Abzugs nichts zu rütteln.
Paradiesische Ruhe auch ohne Frieden
Ein Besuch im Golan – der dichte Nebel, den wir antrafen, war symbolisch für die verschwommene, unsichere Zukunft der Gegend – lässt allerdings die Wahrscheinlichkeit einer baldigen drastischen Veränderung der Souveränitätshoheit auf den umstrittenen Hügelzügen in weite Ferne rücken. «Kriege werden um des Geldes willen, wegen der Ehre oder aus Angst ausgetragen», meint Uzi Rubin, ein Strategieexperte, der auf Raketen spezialisiert ist. «Im Falle des Golans können wir das Wasser als Kriegsgrund hinzunehmen», meinte Rubin, den wir im Café Anan auf dem Bental-Berg angetroffen haben. Normalerweise geniesst man von dort eine herrliche Aussicht sowohl auf das syrische Kuneitra als auch auf die israelische Seite bis zur Kinneret hinab. Die Nebelsuppe verhinderte dies bei unserem Besuch, doch minderte dies in keiner Weise die Eindrücklichkeit von Rubins Worten. «Wer im Golan sitzt, der kontrolliert 30 Prozent von Israels Wasservorkommen», sagt der Mann, der während des Jom-Kippur-Krieges zwei Wochen im Golan gekämpft hatte. «Wir hatten damals das Gefühl, Israels Herzland zu verteidigen, denn wäre den Syrern der Durchbruch im Golan gelungen, wäre ihr Vormarsch auf Haifa und Tel Aviv nicht aufzuhalten gewesen.» Über die zukünftige Entwicklung in der Region gibt es für Rubin keine Zweifel: «Syrien muss seine Allianz mit Iran aufgeben und darf die Hizbollah nicht länger aufrüsten. Wir müssen mit jeglichen Konzessionen warten, bis Syrien zu einem verlässlichen Partner für den Westen geworden ist.» Davon sei bis jetzt nichts zu spüren oder zu sehen. «Jede verantwortungsbewusste israelische Regierung wird Schwierigkeiten bekunden, Territorium und Wasser für einen wackligen Frieden herzugeben.»
Auch ohne Frieden ist es allerdings fast paradiesisch ruhig auf dem Golan. Kampfhandlungen kommen keine vor, und wenn hin und wieder doch Geschützlärm zu hören ist, dann handelt es sich entweder um Jäger oder um militärische Manöver. Das bekräftigt den österreichischen Major Friedrich Steininger in seiner Mission. Er besorgt für die seit 1974 im Golan stationierten Friedenstruppen (United Nations Disengagement Observer Force, kurz Undof) den Kontakt zu den Medien. Abgesehen von tragischen Zwischenfällen, bei denen spielende Kinder in eines der zahlreichen Minenfelder auf beiden Seiten der «area of separation» geraten und denen die Undof-Truppe zur Hilfe eilt, beinhaltet die Aktivität der Undof insbesondere die Kontrolle, dass weder das syrische noch das israelische Truppenkontingent das vereinbarte Ausmass überschreitet. «Das ist nicht der Fall», bestätigt Steininger, der gleichzeitig betont, dass es zwischen IDF- und syrischen Offizieren keinerlei direkte Kontakte gebe. Zu anderen Betätigungen der Undof-Truppen gehört etwa die logistische Erleichterung zur Durchführung von Hochzeiten zwischen Drusen, die auf beiden Seiten der Waffenstillstandslinie leben und die Ermöglichung der Ausfuhr von Teilen der Apfelernte nach Syrien. «Innert vier bis sechs Wochen werden mit unserer Hilfe rund 10000 Tonnen Äpfel nach Syrien verkauft», erklärt Steininger. – Heute leisten gut 1100 Undof-Leute plus zwei Hunde Dienst im Golan, vor allem aus Österreich, Polen, Indien, Japan und der Slowakei.
Neben den in 33 Siedlungen und Kibbuzim im Golan lebenden rund 18000 israelischen Bürgern – seit Dezember 1981 gehören die Hügel gemäss Knessetbeschluss zu Israel – wohnen in den Ortschaften Massade, Buquata, Majd al Shams und el Kinie gut 21000 Drusen im Golan. Obwohl Drusen in der Regel die Souveränität der herrschenden Regierung anerkennen, in Israel absolvieren die meisten Drusen den Militärdienst, besitzen nur fünf bis zehn Prozent der Golandrusen die israelische Staatsbürgerschaft. Zu stark ist offenbar die Angst, im Falle eines Friedensschlusses zwischen Syrien und Israel wegen Landesverrats von einem syrischen Gericht verurteilt zu werden. Samir Dabous gehört zu den wenigen Golandrusen mit israelischer Identitätskarte (er ist sogar Mitglied des Likud). Wegen seiner Loyalität zum jüdischen Staat wurde er von den drusischen Würdenträgern gesellschaftlich und beruflich mit dem Bannstrahl belegt. Solange der 1955 Geborene die Lokalverwaltung von el Kinie leitete, konnte ihm das gleichgültig sein sein, doch seit 12 Jahren ist er arbeitslos. Dabous spart nicht mit Kritik an Israel: «Der Staat ist verpflichtet, alle seine Bürger zu unterstützen, doch die israelischen Drusen im Golan fallen zwischen Stuhl und Bank.»
Sollte eines Tages wirklich Frieden herrschen, würden seiner Meinung nach die meisten Drusen im Golan bleiben, denn neben der Treue zur Regierung sei die Treue zur Scholle fast noch stärker. Einige wenige dürften nach Galiläa zu den israelischen Drusen überwechseln, doch für ihn selber komme das nicht in Frage: «Ich bereite meine Ausreise nach Kanada vor», meint er mit einem bitteren Lachen.
Der Graben ist da
Gary Black, der Wirtschaftsverwalter des Kibbuz Mevo Hama, gehört zu den wenigen jüdischen Bewohnern des Golans, die einen israelischen Abzug im Falle eines Friedensabkommens mit Syriens für unabwendbar halten und die auch offen zu dieser Meinung stehen. «Wenn wir Frieden mit Syrien, Libanon und der restlichen arabischen Welt haben wollen», erklärte der 1973 aus dem englischen Manchester nach Israel eingewanderte Mann, «werden wir um einen Abzug vom Golan nicht herumkommen.» Er sage dies nicht mit einem Gefühl der Freude, wohne er doch seit Jahrzehnten schon im Golan, doch sein Realitätssinn lasse ihm keinen anderen Schluss zu. Schon drei israelische Premierminister – Barak, Rabin und Netanyahu – seien zu einem solchen Schritt bereit gewesen. Die entscheidende Frage im Zusammenhang mit dem Rückzug sei natürlich die der Grenzziehung. «Warum sollte Syrien sich mit weniger zufrieden geben als Ägypten erhalten hat», fragt sich Gary, der keinen Hehl daraus macht, dass seine drei Söhne im Alter von 26, 22 und 19 Jahren ihn, was die Zukunft des Golans betrifft, schon lange rechts überholt hätten. «Am Tisch reden wir nicht über Politik», räumt er ein. Er erinnert aber auch daran, dass in der «Peace-Now»-Bewegung, der er in jungen Jahren angehörte, Ende der siebziger Jahre der Konsens geherrscht habe, der Golan solle «aus Sicherheitsgründen israelisch bleiben».
Eine Meinung wie die von Gary Black geäusserte bildet im Golan immer noch eine Ausnahmeerscheinung. Nicht so die Gedanken des im März 1948 im Kibbuz Ein Gev am Ostufer der Kinneret zur Welt gekommenen Yoel Ben Yosef. An Kompromisse mit den Syrern sei frühestens dann zu denken, wenn sich mit ihnen ein «Frieden zwischen Nachbarn und ein Frieden zwischen Feinden» anbahnen sollte. Viele der Einwohner des 1937 unter anderen von Teddy Kollek mitgegründeten Kibbuz Ein Gev würden sich noch an die Zeiten erinnern, als er fast täglich von der syrischen Artillerie von der Golanhöhe herab beschossen wurde. Zwischen der Staatsgründung 1948 und dem Sechstagekrieg von 1967 kamen 143 israelische Zivilisten bei syrischen Angriffen ums Leben. Ben Yosef will Kompromisse mit Damaskus zwar nicht rundweg ausschliessen, doch sei dies eine Angelegenheit für die «ferne Zukunft». Viel resoluter gibt sich da Ramona Bar-Lev, die seit 1969 in der israelischen Stadt Qatzrin im Golan lebt und die dem Golan-Einwohner-Komitee angehört. Schon alleine wegen der «erstaunlichen Errungenschaften», die Israel in den letzten 40 Jahren im Golan verzeichnen konnte, sollte das Gebiet «auf ewig» bei Israel verbleiben, meint Bar-Lev, die unter anderem auf die «tiefe jüdischen Wurzeln» auf den Hügeln aufmerksam macht, wo Überreste von mehr als 20 Synagogen entdeckt wurden. «Was sich hier befindet, sollte nicht im Namen des Friedens zerstört werden, sondern im Frieden aufblühen», betont Ramona Bar-Lev, deren Schlussbemerkung ebenso resolut wie kompromisslos ist: «Die Syrer haben viele Chancen ungenutzt verstreichen lassen, und jetzt reicht es.»
Die Kluft bezüglich des Golans zieht sich quer durch die ganze israelische Bevölkerung. Abzuwarten bleibt, ob der Graben in den nächsten Jahren tiefer werden oder ob er sich überbrücken lassen wird.
Quelle: tachles
| zum Seitenanfang |
Weitere Berichte:
| zum Seitenanfang |







