Die Rolle der Frau im Islam
Das Bild der muslimischen Frau ist sowohl in muslimischen Ländern als auch im nicht muslimischen Westen massgeblich kulturell bedingt. Die Islamwissenschaftlerin Rafaat Lenzin wehrt sich gegen pauschale Rollenzuschreibungen.
Die Vereinigung Islamischer Organisationen Zürich und die Sozialdemokratische Partei der Stadt Zürich luden am 29. November zum Referat der freischaffenden Islamwissenschaftlerin Rafaat Lenzin zum Thema «Rolle der Frau im Islam». Es ist die zweite Veranstaltung in einer Veranstaltungsreihe zum Islam. Anlass dazu gaben die «unappetitlichen» Inserate der SVP im Vorfeld der kantonalen Wahlen im Februar, indenen die Muslime unter Generalverdacht gestellt wurden.
Die «Genderfrage»», im speziellen die nach der Frau im Islam, ist für Lenzin das Sinnbild für den angeblichen Wertekonflikt. Sie kritisiert die weit verbreitete Meinung, die Frau werde im Islam unterdrückt. Das Kopftuch ist für Lenzin nicht das Symbol der Unterdrückung, sondern es wurde ihrer Meinung nach vielmehr im Westen ein Symbol für das Fremde. Das Kopftuch als Geschlechtsabzeichen stelle zudem das heutige emanzipatorische Selbstverständnis in Frage, so Lenzin. Spreche man im Westen von der Befreiung der Frau, so geht es nach Lenzin darum, die Unterschiede aufs Neue festzustellen. Man dränge eigene Missstände in der Hintergrund. Psychologisch, argumentiert Lenzin, sei die Wahrnehmung das Spiegelbild der eigenen Befindlichkeit. Auch in der säkularen Gesellschaft gibt es Bekleidungsvorschriften, doch müsse die Deutungshoheit über die religiöse Relevanz von Kleidungsstücken bei den Muslimen bleiben, wie Lenzin klarstellt.
Will die «Genderfrage» genauer geklärt werden, müsse zwischen der vertikalen und der horizontalen Ebene unterschieden werden. Die vertikale Ebene meint das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen. Lenzin zufolge sind im Koran die religiösen Pflichten das Kriterium für die Stellung vor Gott, das Geschlecht spiele keine Rolle. Mann und Frau hätten folglich das gleiche Heilsversprechen, sie seien also vor Gott gleichgestellt. Auf der horizontalen Ebene lägen der Rollenerwartung sozioökonomische und kulturelle Gegebenheiten zu Grunde, so Lenzin. Daher müsse die Rolle der Frau spezifisch für ein Land untersucht werden. Das Beispiel Pakistan, das eine Präsidentin und das Frauenstimmrecht kannte, bevor die Schweiz eine Bundesrätin und das Frauenstimmrecht hatte, unterstreiche die zentrale Bedeutung der Kultur. Der Islam, wie er in einem archaischen Clan gelebt werde, sei ein anderer als der Islam in der Türkei oder in Saudi-Arabien.
Die Ehe sei im Islam nur ein zivilrechtlicher Vertrag. Im Falle einer Scheidung gingen die Kinder an den Mann, und dieser müsse der Frau auch keinen Unterhalt zahlen. Das vor der Ehe vereinbarte Brautgeld sei also kein «Kauf», sondern eine finanzielle Hilfe für die geschiedene Frau, wie Lenzin weiter ausführt. Diese dennoch schwache Position der Frau würde allerdings heute von Reformern aufgewertet. So übernahm die Türkei praktisch das Schweizer Zivilgesetzbuch. Die Rolle der Frau im Islam sei daher komplex, vielschichtig, von sozioökonomischen und kulturellen Gegebenheiten abhängig und nicht innerhalb «des Islam» interpretierbar.
Joël Hoffmann, tachles
26.12.2007
Weitere Berichte: