Hamas droht bei Frieden mit Krieg
Die im Gazastreifen regierende Islamistenorganisation Hamas droht mit neuer Gewalt, wenn es bei der für den 26.November geplanten Nahostfriedenskonferenz zu Kompromissen gegenüber Israel kommen sollte.
"Zugeständnisse sind die Saat für einen Krieg", sagte Chalil Abulaila im Interview. Der gelernte Pharmazeut gehört zu den tonangebenden Hamas-Führern in Gaza. Er steht Ex-Aussenminister Mahmud al-Sahar nahe, dem Kopf der Hardliner innerhalb der Hamas. Bis zur Konferenz im US-amerikanischen Annapolis bei Washington, an der auch eine Reihe arabischer Staaten teilnehmen, werden Israelis und Palästinenser eine Grundsatzerklärung erarbeiten, die die Grundlage für einen neuen Friedensprozess sein soll. Die Hamas lehnt es jedoch ab, die Existenz des Staates Israel anzuerkennen. "Die Israelis sollten nicht einmal davon träumen, dass sie für immer hier bleiben können. Wir werden unser Land nie aufgeben", so der 55-jährige Abulaila, dessen Familie aus einem Dorf nahe der israelischen Hafenstadt Aschdod stammt.
Die Hamas werde nicht dulden, dass Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, der die moderate Fatah anführt, die Rechte und Ansprüche der Palästinenser verrate, so Abulaila, "vor allem nicht das Recht auf Rückkehr". Doch für die Israelis ist die Aufgabe des Rückkehrrechts palästinensischer Flüchtlinge in den heutigen Staat Israel das Kernstück einer Friedenslösung. Denn würden alle Flüchtlinge und ihre Nachkommen nach Israel kommen, würde der jüdische Staat demografisch aufhören zu existieren. Juden wären nur eine Minderheit in Israel. Eine kompromisslose Haltung beim Rückkehrrecht ist daher zum Synonym dafür geworden, Israel die Anerkennung zu verweigern.
Abulaila bestreitet zudem, dass die Hamas mit vermehrtem Raketenbeschuss versucht, die Lage vor der Annapolis-Konferenz zu verschärfen. Auch den Oslo-Friedensprozess hatte die Hamas mit Gewalt zum Scheitern zu bringen versucht - damals noch mit Selbstmordattentaten. "Die Raketen sind nur eine Reaktion auf israelische Operationen", betont er. "Wir glauben außerdem, dass die Konferenz ohnehin scheitern wird."
Doch tatsächlich ist die Extremistenorganisation tief gespalten in der Frage, wie es politisch weitergehen soll. Der ehemalige Hamas-Regierungssprecher Ghasi Hamad warf den radikalen Kräften innerhalb der Organisation vor, mit der gewaltsamen Machtübernahme in Gaza einen "großen strategischen Fehler" begangen zu haben. Die Hamas sei "isoliert und belagert".
Ex-Ministerpräsident Ismail Hanija, der ebenfalls zu den immer stiller werdenden Moderaten der Hamas zählt, betonte erst vergangene Woche: "Alle Berichte, dass wir das, was in Gaza passiert ist, im Westjordanland wiederholen wollen, entbehren jeglicher Grundlage. Das wird nicht passieren."
Die Hardliner, die in Gaza die Oberhand gewonnen haben, sprechen dagegen offen über ihre Expansionspläne. "Wenn die Bevölkerung im Westjordanland bereit ist, gegen Abbas vorzugehen, sind wir auch bereit", so Abulaila. "Militärisch sind wir dort sogar noch besser als in Gaza", behauptet er.
Ex-Außenminister al-Sahar geht sogar noch weiter. Wenn Israel aus dem Westjordanland abziehe, werde nicht die Fatah das Sagen haben. "Wir werden das Westjordanland übernehmen, wie wir auch den Gazastreifen übernommen haben", sagte er am vergangenen Freitag auf einer Kundgebung. "Das palästinensische Land ist eins - Rafah im Süden bis Rosch Hanikra im Norden, vom Jordan bis zum Mittelmeer." Israel hat in seinem Weltbild keinen Platz.
von Silke Mertins (Gaza-Stadt)
13. November 2007
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