Neue Rakete der Mullahs
Säbelrasseln, Flötentöne - Teheran wagt ein riskantes Spiel.
Seit der Khomeini-Revolution besteht die iranische Diplomatie aus einem Wechselspiel von Flötentönen und Säbelrasseln. Das Geräusch dient nicht zuletzt dazu, der jeweils anderen Seite Optionen zu zeigen; verkompliziert wird das Tableau dadurch, dass auch der Westen Mischphasen anbietet - mal war es der „kritische Dialog“, dann ist es, wie jetzt, das Vorzeigen von „Zuckerbrot und Peitsche“.
Dies ist der Zusammenhang, in dem die jüngste Meldung über eine neue Rakete zu lesen ist: Iran verfügt nach eigenen Angaben über eine lasergesteuerte Waffe namens „Kadar“ (Macht), die ihrerseits eine Weiterentwicklung der Mittelstreckenrakete „Shahab-3“ sein soll; ihre optische Lenktechnik wurde bereits für die Luft-Boden-Rakete "Kassed" (Bote) eingesetzt.
Die Reichweite der neuen Waffe beträgt nach offiziellen Informationen 1800 Kilometer, bedroht also Israel sowie amerikanische Anlagen im Konfliktraum. Diese Nachrichten waren schon vor wenigen Wochen verfügbar, doch erst jetzt machen die Regierungsmedien Teherans martialischen Lärm damit.
Irans neue Rakete "Kadar" ist eine lasergesteuerte Mittelstreckenwaffe, der die Technik der hier abgebildeten "Kassed"-Luft-Boden-Rakete zugrunde liegt © AFP/Getty Images
Auf diese Weise reagieren sie auf die Töne, die zurzeit aus Paris und London zu hören sind. Die Staatschefs Sarkozy und Brown drängen nicht nur auf schärfere Sanktionen, sondern lassen auch nicht unerwähnt, dass sie damit eine Eskalation ins Militärische verhindert sehen wollen - eine recht eng anliegend verhüllte Drohung.
Das Muskelspiel der Teheraner Militärs mag auch innenpolitische Gründe haben. Der Präsident gerät in jüngster Zeit immer und immer wieder in die Kritik, in aller Öffentlichkeit protestieren nun Studenten gegen ihn, seine Rivalen und Gegner werden stärker. Das mag den tragenden Gruppierungen des Regimes sogar recht sein, denn sie brauchen einen Schuldigen, dem die sich verschlechternde wirtschaftliche Situation angelastet werden kann - nur eben nicht auf Kosten der Stabilität des Regimes. Folglich ist ein äußerer Feind vonnöten, der nicht nur mit Sanktionen, sondern auch mit Waffen droht.
Nicht ganz klar ist freilich, ob das Hauptproblem - der Nuklearstreit - einer Zuspitzung entgegengeht oder ob es sich allmählich entschärft. Dieser Tage ist wieder eine hochrangige Delegation der internationalen Atomenergiebehörde IAEA im Lande; sie bespricht mit den iranischen Atomunterhändlern die heikle Frage, ob und wie der Mullahstaat an modernste Technik zur Urananreicherung gelangt ist (die sogenannten P-2-Zentrifugen). Heikel deswegen, weil bis heute Verdachtsmomente dafür existieren, dass irgendwo im Lande eine undeklarierte Versuchsanlage mit diesen besonders leistungsfähigen Maschinen zur Herstellung von spaltbarem Material existiert.
Das übrigens wäre eines der Risiken einer Militärplanung gegen Iran: Wo sollen die amerikanischen oder israelischen Luftstreitkräfte zuschlagen, um das Atomprogramm zu unterbrechen? Träfe die Unterstellung zu, Iran betreibe heimliche, bisher unentdeckte Programme, dann wäre schon der unmittelbare militärische Nutzen von Schlägen gegen die bekannten Anlagen in Natanz und Esfahan äußerst begrenzt - ganz abgesehen vom politischen Verhängnis, das ein solches Abenteuer auslösen würde.
Gero von Randow
9. Oktober 2007
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