Wellblechhütte statt Wohnsiedlung

Direkt neben ihrem Dorf steht eines der wichtigsten Elektrizitätswerke Israels. Doch die Bewohner von Wadi al Naam erhellen ihre Baracken mit Kerosinlampen und heizen mit Holz: Ihre kargen Wellblechhütten werden nicht mit Strom versorgt, weil die Siedlung in den Augen der Regierung gar nicht existiert. Wadi al Naam ist eine von drei Dutzend Beduinensiedlungen im Süden Israels, die von den Behörden nicht anerkannt werden. Die rund 60.000 Einwohner werden bis auf wenige Ausnahmen vom Staat nicht mit der nötigen Infrastruktur wie Schulen, Straßen, Müllabfuhr, Ärzten oder Strom und Wasser versorgt.

Schätzungsweise 170.000 Beduinen leben in Israel. Früher zogen sie als Nomaden durch die Wüste Negev, in der auch heute noch viele von ihnen wohnen. Mittlerweile sind die meisten jedoch sesshaft geworden, und in den 1960ern errichteten die israelischen Behörden für sie sieben Städte. Dort leben derzeit rund 110.000 Beduinen, viele entschieden sich jedoch aus Angst, ihre Landansprüche zu verlieren, gegen diese Umsiedlung und wohnen jetzt in ärmsten Verhältnissen. So hausen die meisten Bewohner der illegalen Ortschaften in Wellblechhütten mit bescheidenster Möblierung.

«Sie (die Beduinen) sind nicht verwöhnt», sagt Clinton Bailey, ein Experte für die Kultur der Beduinen. «Ihr Stolz und Gerechtigkeitssinn sind ihnen viel wichtiger als finanzielle Leistungen.» Das Hauptaugenmerk der meisten Beduinen liegt bei den Familien und Stämmen. Und: Im Gegensatz zu Palästinensern und anderen Arabern verfolgen sie keine nationalistischen Ziele. Sie erheben lediglich Anspruch auf das Land, das seit Generationen von ihren Vorfahren genutzt wird. «Wie kann es sein, dass wir Besetzer sind?», fragt Rijadh, ein 35-jähriger Bewohner einer der illegalen Ortschaften. «Wir waren hier, bevor es den Staat (Israel) überhaupt gab.»

Allerdings haben die Beduinen kaum Beweise, die ihre Landforderungen begründen können. Und die Regierung in Jerusalem vertritt die Meinung, man könne den Forderungen nicht ohne schriftliche Besitzdokumente nachkommen. Zudem sei es unmöglich, jeden noch so kleinen Ort, an dem sich Beduinen niedergelassen haben, infrastrukturell zu erschließen. Kritiker merken jedoch an, dass genau dies bei einigen kleinen jüdischen Siedlungen in der Negev-Wüste und in Galiläa sowie im besetzten Westjordanland geschehen sei.

Bagger gegen illegale Hütten

Da die meisten Hütten der Beduinen ohne Baugenehmigung errichtet wurden, lässt die Regierung immer wieder einige von ihnen einreißen. Beispielsweise wurde das Dorf Tauil Abu Dscharwal nach Angaben von Bewohnern allein zwischen August 2006 und Februar 2007 vier Mal dem Erdboden gleich gemacht. «In der Vergangenheit zerstörten sie ein oder zwei, höchstens drei Häuser. Aber 28 an einem einzigen Tag, das ist neu für uns», sagt Jila Rannan, eine Aktivistin, die für die Rechte der Beduinen kämpft. Ihren Angaben zufolge sind Tausende von Hütten in Gefahr, zerstört zu werden. Das Vorgehen der Regierung vertieft jedoch die Gräben zwischen den Beduinen und dem Staat nur noch weiter. «Das Niederreißen schadet dem Staat mehr als es ihm hilft», sagt Abu Afasch, ein ehemaliger Armeeangehöriger. «Es entfremdet die Menschen.»

Zwischen 2001 und 2006 kam es nach Angaben des israelischen Innenministerium zu Einigungen bezüglich weniger als drei Prozent der umstrittenen Gebiete. Immerhin hat die Regierung in den vergangenen Jahren neun bislang nicht anerkannte Dörfer gebilligt, aber abgesehen von zwei Schulen gebe es noch keinerlei Infrastruktur, erklärt Dudik Schoschani, der in den 90er Jahren für die Behörde für den Fortschritt der Beduinen arbeitete. Doch trotz ihres Elends sind die Beduinen davon überzeugt, dass die Zeit auf ihrer Seite steht. «Beduinen sind geduldig», sagt Labad Abu Afasch aus Wadi al Naam. «Wir glauben daran, dass wir eine Einigung erzielen können.»

Quelle; jns und Agenturen
1. Oktober 2007

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