Waffen und Terroristen
Von Jacques Ungar
Über seinen angeblich tatsächlichen Luftangriff auf Syrien lässt Israel die Welt zwar immer noch im Dunkeln, doch Premier Ehud Olmert sonnt sich in den vor dem Hintergrund der Gerüchte für ihn leicht günstigeren Umfragen. Beinahe vergisst man darüber den täglichen Antiterror-Kleinkrieg Israels in der Westbank.
Beunruhigende Gerüchte - Im Norden Syriens befinden sich Produktionsstätten für Langstrecken-Raketen
Noch immer schweigen Israels Entscheidungsträger zwar zu allem, was mit dem angeblichen oder wirklichen Luftangriff auf Ziele in Syrien zu tun hat, doch eines hat das Gerücht bereits bewirkt. Premier Ehud Olmert steht in den Augen der Öffentlichkeit nicht mehr ganz so schlecht da wie in den Wochen vor der erfolgreichen Militäraktion, wie das Gerücht von jenen ausländischen Quellen schon längst definiert worden ist, auf deren Informationen die in Israel tätigen Journalisten dank striktester Zensurbestimmungen angewiesen sind. In einer von der Zeitung «Yediot Achronot» veröffentlichten Umfrage bezeichnen immerhin 35 Prozent der Israeli das Wirken ihres Regierungschefs als «gut». Noch vor zwei Wochen waren es erst 25 Prozent gewesen. Olmert sollte aber auf dem Boden bleiben: Mit 63 Prozent ist der Anteil der Israeli, die die Performance des Premiers als «schlecht» einstufen, zwar nicht mehr so hoch wie noch vor zwei Wochen (70 Prozent), doch immer noch hoch genug, um Olmert jede Nacht ein paar schlaflose Stunden zu besorgen. Einige weitere Ergebnisse der genannten Umfrage: 78 Prozent der Israeli unterstützen den israelischen Luftangriff auf die angeblich von Nordkorea gelieferten Atominstallationen in Syrien. 51 Prozent der Befragten glauben nicht, dass der Zwischenfall etwas am Risiko eines Krieges mit dem Nachbarn im Norden geändert hat, und 54 Prozent gaben zu Protokoll, die Berichte über die Aktion der Luftwaffe hätten ihr Vertrauen in das Können der Armee weder zum Guten noch zum Schlechten beeinflusst.
Jede Menge Gerüchte
Olmert scheint sich an die volle Hälfte des Glases zu halten. Ein halbes Jahr nach den für ihn wenig schmeichelhaften ersten Erkenntnissen der Winograd-Kommission sieht man den Regierungschef dieser Tage wieder lächelnd und entspannt in der Öffentlichkeit, wie am Dienstag etwa, als er sich bei der Teilnahme an einer Blutspendeaktion ablichten liess. Olmerts Berater sprechen bereits von einer Stabilisierung der Koalition und davon, dass das Gespenst vorgezogener Wahlen sich (einmal mehr) verflüchtigt habe. Oppositionschef Binyamin Netanyahu warnt dagegen, dass eine einzige palästinensische Kassem-Rakete mit Verlusten unter der israelischen Bevölkerung oder eine weitere polizeiliche Untersuchung gegen Olmert den Trend im Nu wieder umkehren könnten. Das mag zwar zutreffen, doch sollte man so kurz vor Jom Kippur auch beim Likud dem Regierungschef ein paar Stunden oder Tage der Entspannung gönnen.
Den Premier veranlassten die beschränkt günstigen Umfrageergebnisse offenbar, aus sich herauszugehen und dem syrischen Präsidenten Bashar Assad Honig um den Mund zu schmieren. Vor Journalisten russischsprachiger Medien jedenfalls brachte er Assad gegenüber seine «Wertschätzung» zum Ausdruck und erklärte seine Bereitschaft zu «Verhandlungen ohne Vorbedingungen». Syrien reagierte ähnlich wie 1999, als der damalige Premier Ehud Barak sich mit ähnlich schwülstigen Ergüssen der Wertschätzung an den damaligen syrischen Präsidenten Hafez el-Assad wandte: mit wegwerfenden, zynischen Bemerkungen, garniert mit der Drohung einer Regierungssprecherin, die sich das Recht für ihr Land vorbehielt, «zu einem uns geeignet erscheinenden Zeitpunkt und mit den uns geeignet erscheinenden Mitteln» auf die israelische Aggression zu antworten. Sollte Leserinnen und Lesern das Zitat bekannt vorkommen, sei ihnen auf die Sprünge geholfen: Diese Drohung zieht Israel immer dann aus der Mottenkiste seiner Reaktionen, wenn es effektiv nicht beabsichtigt, auf diesen oder jenen palästinensischen Gewaltakt militärisch zu reagieren.
Es überrascht nicht, dass immer mehr Medien auf den fahrenden Zug der Gerüchte rund um die syrische Rüstung aufspringen. Die grössten Schlagzeilen verursachte diese Woche das in London erscheinende Wochenmagazin «Jane’s Defence Weekly». Die als seriös und gut informiert geltende Fachzeitschrift für Militärfragen berichtete von einer Explosion, die sich bereits am 25. Juli in einer syrischen Armeebasis unweit der Stadt Aleppo im Norden des Landes zugetragen haben soll. Laut «Jane’s» explodierte eine Boden-Boden-Rakete vom Typ Scud C, als syrische und iranische Offiziere und Ingenieure sie mit einem mit Senfgas gefüllten Sprengkopf bestücken wollten. 15 syrische Militärs und eine noch höhere Zahl Iraner sollen dabei umgekommen sein. Das offizielle Damaskus bestätigte zwar die Explosion chemischer Materialien, führte den Zwischenfall aber auf die «grosse Hitze» an jenem Tag zurück. Augenzeugenberichte dagegen erklärten gegenüber dem britischen Magazin, die Explosion habe sich um halb fünf Uhr am Morgen zugetragen. Die Raketen vom Typ Scud-C können Ziele in Israel treffen, und Experten weisen darauf hin, dass Damaskus seit einiger Zeit an Verbesserungen arbeitete, welche das Geschoss treffsicherer und schwieriger bekämpfbar machen würden. In Jerusalem ist es schon längst kein Geheimnis mehr, dass sich im Norden Syriens grossangelegte Produktionsstätten für Mittel- und Langstreckenraketen befinden, die jedes Ziel in Israel anvisieren können. An diesen Produktionsstätten sollen auch chemischen Waffen hergestellt werden.
Terroristen-Hochburg der Westbank
Das Gerangel rund um die israelisch-syrischen Spannungen, die laut Staatspräsident Shimon Peres allerdings bereits der Vergangenheit angehören würden (vgl. Seite 18), haben das Geschehen an einer anderen Front in den Hintergrund gerückt: Tagtäglich sind IDF-Truppen in der Westbank mit stillschweigender Zustimmung der Palästinensischen Behörde und einer hinter den Kulissen offenbar immer effizienteren Geheimdienst-Kooperation improvisierten Sprengstofffabriken auf der Spur, verhaften Verdächtigte – mehrere hundert alleine in den letzten Monaten – und liefern sich Feuerduelle mit gesuchten Terroristen, die sich nicht ergeben wollen. Dabei erweisen sich die Stadt Nablus und die sie umgebenden Flüchtlingslager immer klarer als die eigentliche Terroristen-Hochburg der Westbank. Am Dienstag entdeckten die IDF-Soldaten laut Angaben der Armee in einem Versteck in Nablus zwei M16-Maschinengewehre, zahlreiche improvisierte Handgranaten und grosse Mengen an Munition. 2007 wurden bisher neben zahlreichen Waffenlagern zehn Bomben-Werkstätten in Nablus gefunden, und von den im Jahre 2006 in der Westbank verhafteten 187 potenziellen Selbstmördern stammten 117 aus der Gegend von Nablus. Zu einer dramatischen «Erinnerung an einen vergessenen Krieg» («Haaretz») kam es am Dienstag, als ein 22-jähriger IDF-Soldat bei einem Feuerwechsel mit Terroristen in einem Flüchtlingslager bei Nablus erschossen wurde.
Am Mittwoch setzten sich die Zusammenstösse zwischen IDF-Truppen und Terroristen in Nablus fort; zunächst war von mindestens einem Toten auf palästinensischer Seite die Rede. Die Intensität der israelischen Aktionen ist offenbar auf Pläne der Hamas zurückzuführen, einen Selbstmordattentäter ins israelische Kernland zu entsenden. Geheimdienstkreise sprechen davon, dass die von Damaskus aus geleiteten palästinensischen Extremisten zahlreiche «ruhende Zellen» in der Westbank reaktiviert haben im Bestreben, den für November geplanten Nahostgipfel von Washington möglichst rechtzeitig zu torpedieren. Diesem Gipfel scheinen Schwierigkeiten auch aus anderer Richtung zu erwachsen: Führende Fatah-Kreise bedrängen laut arabischen Presseberichten Präsident Mamoud Abbas, nur nach Washington zu reisen, wenn auch Syrien, Saudi-Arabien und Libanon vertreten sind. Auf palästinensischer Seite drängt man auf konkrete Resultate, während Olmert sich auch dieses Mal lieber auf generelle Erklärungen beschränken würde.
Seit Jahresbeginn sind zwei IDF-Soldaten palästinensischer Gewalt zum Opfer gefallen, zusätzlich zu sechs Zivilisten (einschliesslich zwei Kassem-Opfer in Sderot). Das sind auf israelischer Seite acht Menschenleben zu viel, doch wenn man es etwa mit dem Intifada-Jahr 2002 und seinen 450 israelischen Opfern vergleicht oder wenn man sich vor Augen hält, dass seit dem letzten Selbstmordanschlag in Zentralisrael 18 Monate verstrichen sind, dann sieht man einen klaren Erfolg der israelischen Taktik, den Ort der Konfrontation nach Möglichkeit in die Palästinenserstädte hinein und weg von den israelischen Bevölkerungszentren zu tragen.
Vor dem israelischen Luftangriff auf eine syrische Militäranlage in Dayr el Tswar am 6. September sollen israelische Eliteeinheiten dort Atommaterial aus Nordkorea beschlagnahmt haben. Dies berichtet die "Sunday Times" unter Berufung auf gut informierte Kreise. Das Material sei inzwischen in Israel untersucht und die nordkoreanische Herkunft dabei nachgewiesen worden.
Das Material sei vor dem Angriff bei einem Spezialeinsatz ausfindig gemacht worden, heißt es in dem Bericht weiter. Ein Datum für diesen Einsatz wird nicht genannt. Ein namentlich nicht genannter US-Regierungsvertreter wurde mit den Worten zitiert, die Belege für die atomare Tätigkeit seien Washington zugänglich gemacht worden, bevor die US-Regierung für den Angriff mit F-151-Bombern grünes Licht gegeben habe. Der Einsatz sei vom israelischen Verteidigungsminister Barak persönlich geleitet und von einer Elite-Einheit ausgeführt worden. Nordkorea hatte wiederholt bestritten, Erkenntnisse aus seinem Atomprogramm mit Syrien auszutauschen. Die US-Regierung bemüht sich seit Jahren, auf diplomatischem Wege die vollständige Einstellung des nordkoreanischen Atomprogramms zu erreichen. Der israelische Luftangriff auf syrischem Territorium war erst mit mehrtägiger Verzögerung von der US-Regierung bestätigt worden.
Quelle: tachles, jns und Agenturen
23. September 2007
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