Gegenwärtige Einschätzungen des AMAN

Die fundierteste Einschätzung des israelischen Militärgeheimdienstes (AMAN) aus der ersten Juliwoche 2007 versucht zwischen ernsten und unmittelbaren Bedrohungen zu unterscheiden. Die iranische Nuklearbedrohung ist die ernsteste Gefahr, doch ist sie nicht unmittelbar. Ein Krieg mit Syrien rückt in mögliche Nähe, doch lässt er sich mit behutsamer Diplomatie vermeiden. Jene Bewegungen, die sich nicht mit Israels Existenz abzufinden bereit sind – Hisbollah, Hamas, Al-Qaida – suchen keinem Kompromiss mit Israel, sondern zögern ihren Ansturm nur so lang heraus, bis sie Kraft gesammelt haben und die geeigneten Umstände geschaffen sein werden.

Das Wesentliche der Einschätzung liegt darin, dass im Moment keine Notwendigkeit besteht, sich in Sprungweite des Schutzraums aufzuhalten. Zwar hat Bashar Assad sich nicht zur Eröffnung des Krieges entschieden, doch zeichnet sich auf längere Sicht ein Anstieg der Kurve der Feindschaft gegenüber Israel an. Der AMAN sagt dies nicht ausdrücklich, doch scheint es, als ob die Bedrohungen für Israel nach dem Jahr 2009 anwachsen werden: Der Iran wird sich zurückhalten und seine atomare Aufrüstung bis zum Ende der Amtszeit Bushs nicht beendet haben; letzterem wird es schwer fallen, einen Angriff auf den Iran zu begründen, und sein Nachfolger wird den Großteil der Truppen aus dem Irak abziehen; die Widerstandsfront gegen den Westen und Israel – Teheran-Hisbollah-Hamas-Globaler Jihad – wird Mut fassen und ihren strategischen Erfolg feiern – nach dem Freitag (der muslimische Feiertag, der Niedergang der vom Westen unterstützten Regime im Irak, in Saudi-Arabien, Jordanien, dem Libanon und Ägypten) kommen der Shabbat (Israel) und der Sonntag (der Westen).

Aus der Sicht des AMAN wurde das kleine unverletzliche Israel bis 1967 mit Unterstützung der Sowjetunion von großen und starken arabischen Armeen bedroht, die es umzingelten. Der eindeutige Sieg im Sechs-Tage-Krieg veranlaßte die arabischen Staaten dazu, sich auf die Rückgabe der Gebiete zu konzentrieren. Von daher der Zermürbungskrieg, der Yom-Kippur-Krieg und das diplomatische Feilschen, durch das Anwar Sadat den Sinai zum Preis des Friedens zurück gewann.

In den 80er Jahren verlor Hafez Assad nach und nach zwei entscheidende Stützen, zuerst die ägyptische und dann die sowjetische. Assad befolgte praktisch das Prinzip von David Ben-Gurion, ohne eine große Weltmacht und ohne Koalition nicht in einen eigeninitiierten Krieg zu ziehen. Demzufolge vermied er es - trotz einer Reihe von Krisen, die sich am Rande eines Krieges bewegten, und gewaltsamen Zusammenstössen mit den Israelischen Verteidigungsstreitkräften (ZAHAL) in der Luft und auf dem Boden - seit 1974, einen Krieg zu initiieren. Nach Auffassung des AMAN mag sein Sohn Bashar nun davon ausgehen, dass er sowohl mit der Unterstützung einer regionalen Großmacht (Iran) als auch einer Koalition (Hisbollah-Hamas) rechnen kann. So wie 1967, als die Sowjets Damaskus dazu anstachelten, sich bedroht zu fühlen, auch wegen der Kämpfe innerhalb der russischen Führungsschicht, hat man nun in Israel den Verdacht, dass die Russen, mit oder ohne Bezug zum Kampf um die Nachfolge Vladimir Putins, die syrische Furcht vor einem israelischen Angriff schüren.

Wie es sich in Tel Aviv darstellt, besteht die militärische Handlungsleiter Syriens aus vier Stufen – zwei der Reaktion und zwei der initiierten Aktion. Die reaktiven Schritte könnten wegen eines Aufsteigens der Luftwaffe eingeleitet werden, das die syrische Souveränität beeinträchtigen würde, oder wegen eines Einsatzes der israelischen Armee gegen die Hisbollah, die nach einem amerikanischen oder israelischen Vorgehen gegen den Iran auf dessen Anweisung aktiv werden würde. Eine „kleine“ syrische Reaktion könnte ein räumlich und zeitlich begrenzter Beschuss sein. Eine umfassendere Reaktion würde etwa den Raketenbeschuss mehrerer Ziele in Israel bedeuten, so etwa von Militärbasen und Ortschaften auf dem Golan.

Aktive Schritte wären der Beginn von Kampfhandlungen, ein blitzartiger Übernahmeversuch des Hermon oder einer Ortschaft auf dem Golan oder der „Widerstand“ in Form von Anschlägen oder eine Rebellion jener Drusen, die gegen eine Annexion des Golan durch Israel sind. Eine große Aktion wäre ein Krieg in vollem Maße, einschließlich eines Panzerangriffs auf dem Golan. Die Einschätzung des israelischen Militärgeheimdienstes (AMAN) geht dahin, dass Assad nicht beabsichtigt, sich bezüglich der vierten Stufe Blöße zu geben, auch wenn die Vorbereitungen vor Ort es ihm ermöglichen würden, sofern er seine Meinung ändern sollte.

Die Position, die AMAN-Chef Generalmajor Amos Yadlin in Bezug auf die politische Ebene erkennt, ist recht eindeutig: Syrien schaukelt umher zwischen dem gegenwärtigen Extremismus, vor allem hinsichtlich des Libanon, und einer möglichen Mäßigung; es ist fähig, einen begrenzten militärischen Einsatz gegen Israel zu versuchen, um den Stillstand aufzubrechen und die Rückgabe des Golan mit diplomatischen Mitteln herbeizuführen. Es liegt in Israels Hand, Syrien mit Taten und Nicht-Taten zu überzeugen, dass ein Krieg zwischen beiden Ländern überflüssig wäre.

Doch von den Meinungen zurück zu den Tatsachen: Iran und Syrien haben die Hisbollah wieder aufgerüstet; allerdings hat die Organisation, die schwere Schläge einstecken musste, das Kommandogerüst und ihren Personalbestand für das Bedienen von Waffen, der fortdauernder Ausbildung bedarf, noch nicht wieder hergestellt. Die Wiederaufnahme des Konflikts mit Israel vor Frühjahr/Sommer 2008 wäre ihr nicht angenehm. Der Generalsekretär der Organisation, Hassan Nasrallah, verhält sich weiterhin wie ein Verfolgter, der sich vor einem israelischen Jagdzug versteckt. Er leidet nicht unter Verfolgungswahn; es ist dies eine angemessene Auslegung der Wirklichkeit. Seine zwei Albträume – so meint man im AMAN seine Gedanken lesen zu können – sind die Luftwaffe und der Geheimdienst der israelischen Armee.

Die Bemühungen der Hamas, die Hisbollah nachzuahmen – iranische Unterstützung (wenn auch ohne Anwesenheit der Revolutionsgarden in Gaza; Hamas-Mitglieder trainieren in Syrien und im Iran) und Übergang zu paramilitärischer Struktur -, machen eine wendige Untergrundbewegung zu einem leichter zu treffenden Ziel. Die Übernahme der Kommandozentralen der Sicherheitskräfte und der Fatah-Büros bspw. verschafft den Hamas-Führern und ihren Einheiten eine klarere Adresse. In einer umfassenden Offensive gegen die Hamas in Gaza, die derzeit nicht durchgeführt wird, wird der AMAN einen gezielten und andauernden Angriff auf die Köpfe der Organisation befürworten, nach dem Vorbild der Ausschaltung von Ahmed Yassin und Abd al-Aziz Rentisi. Diese Art der Ausschaltung von Führern, meint man im AMAN, schwächt die Hamas und erschwert es ihr, schnell anerkannte und gewandte Nachfolger zu finden.

(Auszüge aus einem Artikel von Amir Oren, Ha'aretz)
13. Juli 2007

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Gazakonflikt
Geschichte einer Trennung