Die Israelis - Ganz normale Menschen
Normale Menschen, die sich bemühen, in anormalen Zeiten ein normales leben zu führen: Das sind die Isrealis für die Journalistin Donna Rosenthal.
Dieses Land ist ein einziges Grosslabor für die Bewältigung von Stress und Angst jeder Art. Suchen Sie zufällig irgendeinen Israeli beliebigen Alters heraus und Sie haben einen grossartigen Forschungsgegenstand. Denn man fühlt sich, als hätte man im Lotto gewonnen, wenn der Bus in dem man sitzt, nicht explodiert.
Die Journalistin Donna Rosenthal zitiert den Psychologen Moshe Zeidner von der Universität Haifa, der Fachmann für die Erforschung von Stressreaktionen ist. Die Israelis sind das einzige Volk, das sich jahrzehntelang mit mindestens der Hälfte seiner Nachbarländer im Kriegszustand oder in einem Quasi-Kriegszustand befindet, umringt von 22 arabischen Staaten mit 280 Millionen muslimischen Einwohnern, schreibt Rosenthal.
Einzelne Schicksale
Gleich im ersten Kapitel führt Rosenthal nahe an persönliche Schicksale heran, denn über die allgemeine politische Lage scheint jeder halbwegs informierte Medienkonsument auf dem Laufenden zu sein. Oder vielleicht doch nicht? Allzu leicht kann man den Überblick verlieren: Es gibt immer Konflikte, aber welcher Art sind sie gerade? Hat die Hamas nicht wieder einmal einen vorläufigen Waffenstillstand aufgekündigt? Nachdem Israel Vergeltungsmaßnahmen ergriffen hat?
Was jedoch zeitlose Gültigkeit hat, sind die Schicksale. "Eines der unsichersten Wohnviertel der Welt" wird - so der Titel - gleich im ersten Kapitel beschrieben. Wer sind die Menschen, die morgens den Bus der Linie 32A in Jerusalem besteigen: der Fahrer, der für einen verspäteten Kollegen eingesprungen ist, das junge Mädchen, das sich beeilt, weil es seinen befristeten Job in der Bank nicht verlieren möchte, die Schülerin, die sich auf den Ausflug ins Freibad freut, der Student, der eben wohlbehalten von einem Kriegseinsatz zurückgekehrt ist. Sie gehören zu jenen 19 Fahrgästen, die ums Leben kommen, als ein junger Selbstmordattentäter am 18. Juni 2002 um 7:50 Uhr beim Einsteigen in den Bus eine Bombe zündet. 74 Fahrgäste werden verletzt.
Terroristen können überall auftauchen und äusserlich durch nichts auffallen. Sie sind in zahlreichen Verkleidungen aufgetreten: in gestohlenen israelischen Uniformen, als orthodoxe Rabbiner mit Vollbart, einmal sogar als Punk mit blond gefärbtem Haar. Die erste Selbstmordbomberin brauchte sich noch nicht zu verkleiden. Die hübsche 27-Jährige sah wie eine typische Israelin aus. Kurz nachdem sich ihr Cousin von ihr scheiden liess, weil sie unfruchtbar war, spazierte die Frau, die als Sanitäterin beim palästinensischen Roten Halbmond arbeitete, durch die Innenstadt von Jerusalem und sprengte sich in die Luft. Ein zum Sterben entschlossener Terrorist ist nicht zu stoppen.
Widersprüchliche Eindrücke
Donna Rosenthal ist eine routinierte Journalistin, hat für Medien in den USA und in Israel gearbeitet, wurde für investigative Berichterstattung und für Reisereportagen mehrfach ausgezeichnet. Ihr neustes Buch "Die Israelis" hat sie geschrieben, um die Frage zu beantworten, die ihr häufig gestellt wird und die ein amerikanischer Fernsehreporter wie folgt zusammenfasste: Wer sind diese Leute, die derart widersprüchliche Eindrücke erwecken?
Interessanterweise geht Rosenthal in ihrem Buch nach dem allgemeinen Überblick über die unsichere Lage zuerst auf Partnersuche und Paarungsverhalten, sowie auf die Armee ein - womit sie wohl unausgesprochen Prioritäten deutlich macht. Immer gibt es auch einen Witz, etwa im Zusammenhang mit den 30.000 als Besucher einer Thoraschule vom Wehrdienst freigestellten Israelis, der geht so: ein Ultra-Orthodoxer möchte als Autostopper mitgenommen werden:
"Tut mir leid, ich nehme nur Israeli mit, die in den Streitkräften dienen, sagt der Fahrer. "Aber ich diene in den Streitkräften Gottes" antwortet der Ultraorthodoxe. "Na gut", versetzt der Fahrer, "dann frag Gott, ob er dich mitnimmt"
Vielfalt der Gruppen
Im Folgenden dröselt Donna Rosenthal auf, was die für Aussenstehende so verwirrende Vielfalt der Israelis ausmacht: zum einen gibt es so viele Stämme, zum anderen die religiösen beziehungsweise nichtreligiösen Gruppen, zwischen denen sich, so die Kapitelüberschrift "Grabenbrüche" auftun.
Die Geschichte der europäischen Juden, der Ashkenasim, meint man hierzulande zu kennen, aber dadurch, dass anschaulich vom Leben Beteiligter erzählt wird, erfährt man auch Neues. Man liest über die Flucht der Mizrahim, der arabischen Juden, die oft mit den Spharadim verwechselt werden.
Angeblich stammt die Rekordzahl der meisten in einem Flugzeug transportierten Menschen - nämlich 1.000 - aus jener Zeit, als Mizrahim in Bedrängnis aus ihren Flüchtlingscamps nach Israel gebracht werden mussten. Ende des 20. Jahrhunderts war es die russische Einwanderung, die eine weitere, an Einfluss gewinnende Gruppe in die israelische Gesellschaft brachte. Wenn es die vielen Stämme, jeder mit seiner interessanten und vielfach unbekannten Geschichte gibt, so bildet der Grad der Religiosität noch einmal unübersehbare Brüche: Rosenthal zitiert einen 13-Jährigen:
Manche sind jüdisch, andere sind jüdisch-jüdisch, wir sind jüdisch-jüdisch-jüdisch.
Bild der Bewohner Israels
Donna Rosenthal widmet natürlich auch den Nichtorthodoxen, die immerhin 80 Prozent der Israelis ausmachen, und den Muslimen ausführliche Kapitel. Die Palästinenser, schreibt sie einleitend, wird man vermissen, ein ebenso wichtiges Thema, das aber verdient, in einem eigenen Buch behandelt zu werden.
Was in dem Buch tatsächlich fehlt, ist eine Zeittafel, da man die Daten der israelischen Geschichte immer wieder gerne nachschlagen möchte. Auch eine Landkarte wäre hilfreich. Aber alles in allem ist "Die Israelis" ein empfehlenswertes Buch, das einem das widersprüchliche und oft unverständliche Bild der Bewohner Israels näher bringt - wie von der Autorin eingangs angekündigt:
Dies ist ein Buch über normale Menschen, die sich bemühen, in anormalen Zeiten ein normales Leben zu führen.
Text: Doris Stoisser
Buch-Tipp
Donna Rosenthal, "Die Israelis", Verlag C.H. Beck
jns, 31. Dezember 2007
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