Ein Luftangriff, der keiner war?

Israel schweigt beharrlich

Warum israelische Militärjets in Syriens Luftraum eindrangen, bleibt unklar. Israels oberster Berufsoptimist, Präsident Schimon Peres, ist der Meinung, dass die jüngste Krise zwischen Jerusalem und Damaskus „beigelegt“ ist. Der 84-Jährige warnte am Dienstag gegenüber Korrespondenten in Jerusalem vor „Gerüchten“. Knapp zwei Wochen nach dem überraschenden Eindringen israelischer Kampfjets in den syrischen Luftraum bleiben die Umstände des Zwischenfalls so nebulös wie am ersten Tag.

Ein Bericht der Londoner „Sunday Times“, wonach der unter schärfste Zensur gestellte Luftangriff einer aus Nordkorea kommenden Schiffsladung mit nuklearem Material gegolten habe, wurden in Damaskus und Pjöngjang umgehend dementiert.

Die israelische Regierung lehnt nach wie vor jede Stellungnahme zu der Militäroperation ab. Stattdessen bekräftigte Premierminister Ehud Olmert am Dienstag seine Bereitschaft, „Friedensverhandlungen mit Syrien ohne Vorbedingungen“ aufzunehmen.

Erst Anfang der Woche hatte die Abgeordnete Sahava Galon eine Erklärung vor dem außen- und sicherheitspolitischen Ausschuss des Parlaments in Jerusalem gefordert: „Angesichts der Berichte ausländischer Quellen und dem völligen Stillschweigen in Israel darüber, was passiert ist oder auch nicht“, appellierte sie an Olmert, Licht in die Affäre zu bringen.
Dem Bericht der „Sunday Times“ zufolge seien die Vorbereitungen für den Angriff schon seit dem Frühjahr getroffen worden. Mossad-Chef Meir Dagan hatte der Regierung angeblich Beweise für einen geplanten Handel mit nuklearem Material zwischen Syrien und Nordkorea vorgelegt. Damaskus habe zudem in den vergangenen Jahren „zwischen 60 und 120 Scud-Raketen“ erworben.

„Israel wusste seit langem, dass Syrien die Raketen mit tödlichen chemischen Sprengköpfen bestücken kann“, zitiert die Zeitung eine „israelische Quelle“. Mit einem „nuklear bestückten Sprengkopf“ aber könne Israel auf keinen Fall leben.

Internationale Gerüchteküche

Die von Peres angesprochenen „Gerüchte“, die Zeitungen in Israel und im Ausland veröffentlichten, reichten von einem Test für einen Angriff gegen den Iran über die versuchte Entführung syrischer Minister als Faustpfand bei Verhandlungen um die 2006 von der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah entführten israelischen Soldaten bis hin zu einem Ablenkungsmanöver von den Korruptionsaffären, in die der israelische Regierungschef verstrickt ist.

Schon seit dem Sommer 2006 prognostizieren Politiker und Militärs eine bevorstehende Eskalation. Syriens Präsident Bashar al-Assad hatte angekündigt, dass es „entweder Frieden oder Krieg“ geben müsse. Doch „Assad weiß, dass ein Krieg mit Israel, egal welchen Schaden er der israelischen Zivilbevölkerung zufügen kann, gleichzeitig Syrien einen Schlag versetzen kann, der seine ungeliebte Minderheitsregierung unterminieren würde“, kommentierte Ofer Schelach von der liberalen Zeitung „Maariv“. Diese Tatsache sei weitaus abschreckender, als „jeder Beweis für Israels Schlagkraft“.

„Israel wird bezahlen“

„Ein vermintes Terrorschiff“, so zeichnete Israels auflagenstärkstes Blatt „Yediot Ahronot“ ein mögliches Szenario syrischer Vergeltung unter Bezugnahme auf „höhere Stellen im Sicherheitsapparat“. Obschon bei dem Angriff kein Schaden entstanden sei, „wird Israel den Preis bezahlen“, kündigte Syriens Botschafter in den USA, Imad Mustafa gegenüber dem Magazin „Newsweek“ an. Syriens Vizepräsident Farouk al-Sharaa wollte „keine Details kundtun“, doch die politische und die militärische Führung prüfe derzeit eine Reihe von Reaktionen.

Anstelle eines direkten Gegenschlags wäre es möglich, die verbündete Hisbollah agieren zu lassen, um an der libanesisch-israelischen Grenze Druck auf den „zionistischen Feind“ auszuüben.

Steigende Popularität für Olmert nach Überflug

Die Sympathie für Premierminister Ehud Olmert unter der israelischen Bevölkerung ist nach den Berichten über einen Überflug israelischer Kampfjets über Syrien gestiegen. Laut einer Umfrage der Tageszeitung "Jediot Aharonot" befürwortet die Mehrzahl der Israelis das Flugmanöver.

35 Prozent der Befragten schätzten Olmerts Führungsqualitäten mit "gut” ein. Das sind zehn Prozent mehr als bei einer ähnlichen Umfrage vor einer Woche. Trotzdem ist die Mehrzahl der Israelis immer noch unzufrieden mit dem Regierungsstil Olmerts – 63 Prozent bescheinigtem ihm eine "schlechte" Leistung als Regierungschef.

Über den Vorfall vom 6. September schweigt sich israelische Regierung aus. Syrien behauptet, dass israelische Kampfflugzeuge in ihrem Territorium Munition abgeworfen haben. Ausländische Medien vermuten, dass Israel eine kerntechnische Anlage bombardiert hat, die mit Hilfe des kommunistischen Nordkorea gebaut worden sein soll.

78 Prozent der Befragten gaben an, dass sie die militärische Operation gutheißen, während zehn Prozent den Überflug verurteilen. 12 Prozent der Befragten bezogen zu der Frage keine Stellung.

20 Prozent haben nach dem Flugmanöver eine höhere Meinung von ihrem Premier als vorher. Für 70 Prozent hat sich die persönliche Einschätzung von Olmert jedoch nicht verändert, und vier Prozent haben nach der Aktion ein schlechteres Bild von Olmert als zuvor.

Eine ähnliche Haltung der Befragten konnte auch bei ihrer Meinung gegenüber dem Militär ermittelt werden. 41 Prozent gaben an, dass ihr Vertrauen in die Streitkräfte in Folge des Überflugs zugenommen hat. Für 53 Prozent der Befragten hatte der Vorfall keinen Einfluss auf ihre Einschätzung der Truppe, und für nur drei Prozent sank die Popularität des Militärs danach.

Darüber hinaus waren 32 Prozent der Befragten der Meinung, dass der israelische Überflug die Wahrscheinlichkeit eines Krieges zwischen den Nachbarstaaten vergrößert habe. Für 13 Prozent hat sich das Kriegsrisiko dagegen sogar verringert.

Iran hat 600 Raketen auf Israel gerichtet

Der Iran hat 600 Raketen auf Israel gerichtet und will diese abschießen, falls der Iran oder Syrien angegriffen würden. Eine entsprechende Meldung veröffentlichte die regimetreue iranische Internetseite "Assar Iran" am Montag.

Die Raketen des Typs "Schihab 3" haben eine Reichweite von 1.300 Kilometern und könnten damit jedes Ziel in Israel erreichen. Deren Abschuss sei lediglich die "erste Reaktion" auf einen Angriff, so die Webseite. Weitere mögliche Angriffsziele seien einige Dutzend Stützpunkte der US-Armee im Irak.

Der französische Aussenminister Bernard Kouchner warnte am Sonntag, die Welt müsse sich angesichts der nuklearen Bedrohung aus dem Iran "auf das Schlimmste" gefasst machen. Der Minister sprach von einem "Krieg", betonte jedoch zugleich die Notwendigkeit weiterer Versuche, die Situation durch Gespräche zu entspannen. In der französischen Tageszeitung "Le Figaro" sagte Kouchner: "Der Iran tut, was dem Irak gefällt. Nirgendwo in der Welt gibt es derzeit eine grössere Krise als diese."

Israel reagierte gelassen auf die Drohung aus Teheran. Man höre genau hin, glaube aber nicht alles, was die iranische Regierung von sich gebe, ließ das Büro von Premierminister Ehud Olmert verlauten. "Ich glaube nicht einmal, dass der durchschnittliche Iraner diese Sachen glaubt", sagte ein Vertrauter Olmerts am Montag laut der Tageszeitung "Jerusalem Post".

Vor einigen Wochen behauptete der Iran, 3.000 Zentrifugen in Betrieb genommen zu haben, die Uran für eine Atombombe anreichern könnten, so dass diese noch in diesem Jahr fertiggestellt sein könnte. Auch dies glaube kaum jemand in der Welt, so der israelische Vertreter. "Sie wollen die Welt glauben machen, dass sie den Punkt ohne Widerkehr bereits überschritten haben, so dass jeder weitere Druck auf den Iran hoffnungslos wäre."
Olmert selbst äusserte sich am Montag ähnlich. Vor Journalisten sagte er, der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad wolle der Welt Angst machen, dass sein Land längst in der Lage sei, die Atombombe zu bauen. Ahmadinedschad erklärte in einer Live-Sendung des iranischen Fernsehens am Sonntag, sein Land wolle Frieden und Freundschaft mit den USA. "Unsere Botschaft an die amerikanische Nation ist eine Botschaft des Friedens, der Freundschaft, der Bruderschaft und des Respekts vor allen Menschen", sagte der Präsident im staatlichen Satellitensender "Jame Jam". Dies berichtet die staatliche iranische Nachrichtenagentur IRNA.

Quelle: Susanne Knaul, jns und Agenturen
18.September 2007

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