Surfen für den Nahost-Frieden
Ein jüdischer Arzt aus Hawaii schenkte Sportsfreunden im Gazastreifen zwölf Surfbretter, auf dass sie auf den Wellen des Friedens reiten mögen. In der Regel aber haben die Schlagzeilen rund um den Gazastreifen dieser Tage einen kriegerischen Unterton, der jeden Friedenswillen vermissen lässt.
Von Jacques Ungar
Gott wird mit dem Teufel surfen, wenn die Wellen gut sind.» Diese nicht alltägliche Bemerkung stammt von Dorian Paskowitz, einem 86-jährigen jüdischen Arzt aus Hawaii, der seit 75 Jahren dem Surfsport frönt. Paskowitz gab seine Weisheit am Übergang zum Gazastreifen zum Besten, wo er palästinensischen Surfern zwölf von den Brettern übergab, die für ihn und viele andere die Welt bedeuten. Mit seiner Geste will der Mann der Hoffnung Auftrieb verleihen, dass Israeli und Palästinenser dereinst auf den gleichen Wellen des Friedens reiten beziehungsweise surfen könnten. «Wenn ein Surfer einen anderen Surfer mit einem Brett sieht», meinte Paskowitz, «sagt er ganz automatisch etwas, das die beiden zusammenbringt.» Die Aktion des Arztes aus Hawaii war offenbar Bestandteil eines umfassenderen Projekts, das unter dem Namen «Surfing for Peace» segelt, pardon, surft. Im Rahmen des Projektes soll im Oktober Kelly Slater nach Israel kommen, die achtfache amerikanische Surf-Weltmeisterin syrischer Abstammung.
Die Geschichte von den gespendeten Surfbrettern ist sicher sympathisch, und würden die jüdisch-palästinensischen Beziehungen sich auf das gemeinsame Wellenreiten konzentrieren, könnte man effektiv sagen, der Friede warte «gleich um die nächste Ecke» auf die beiden Völker. Dem ist aber leider noch lange nicht so. Im Gegenteil: Die Schlagzeilen, welche die Terroristen im Gazastreifen einerseits und die IDF-Soldaten andererseits kreieren, legen Zeugnis von einer schleichenden Eskalation ab, die, wenn sie nicht gebremst wird, nichts Gutes für die Zukunft erahnen lässt.
Botschaft von Not und Elend
Der palästinensische Beschuss israelischen Territoriums mit Mörsergranaten und Kassem-Raketen bleibt tägliche Routine, die in den internationalen Medien kaum noch Beachtung findet. Grund für diese unprofessionelle Blauäugigkeit ist einerseits die Tatsache, dass die Angriffe der Extremisten auf israelischer Seite nur selten Verletzte oder Tote fordern, und wenn kein Blut fliesst, wissen die blasierten Zeitungen, TV- und Radiostationen schon lange nicht mehr, was sie eigentlich berichten sollen. Andererseits verkaufen sich die auch von bedeutenden Tageszeitungen in der Schweiz publizierten Schlagzeilen von den unter der israelischen Wirtschaftsblockade leidenden palästinensischen Zivilbevölkerung doch viel besser. Ignoriert wird da von den Korrespondentinnen und Korrespondenten (sicher aus Platzgründen …) sowohl die Tatsache, dass Israel trotz allem täglich Dutzende Tonnen an humanitären Hilfsgütern in den Gazastreifen schickt. Die Passierstellen werden nur dann geschlossen, wenn konkrete Warnungen vor geplanten Gewaltakten vorliegen. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass Hamas- oder Jihad-Leute versuchen würden, das israelische Wachpersonal an der Grenze zu attackieren, um den Warentransport zu unterbinden. Das Bild von einer nicht hungernden und nicht unter medizinischen Problemen leidenden Zivilbevölkerung würde ja schlecht zu den Bemühungen passen, eine Botschaft der permanenten Not in der Welt zu verbreiten. Auch die Bilder von rund 600000 Einwohnern des Streifens, die im Dunkeln sitzen mussten, weil die Verantwortlichen des Kraftwerks die Stromproduktion eingestellt hatten, unterstrichen den Eindruck von Not und Elend. Sicher leben die Palästinenser dort in einer bedrückenden und unwürdigen Situation. Nur die wenigsten Medien machten sich aber, um beim Beispiel der Stromproduktion zu bleiben, die Mühe, darauf hinzuweisen, dass die EU die Finanzierung der Öllieferungen an das Kraftwerk eingestellt hatte, weil der begründete Verdacht bestanden hatte, die Hamas würde unberechtigterweise einen Teil dieser Gelder in die eigene Tasche fliessen lassen. Inzwischen haben die Europäer den Geldhahn wieder aufgedreht.
Gegenseitige Gewalt
Diese Woche allerdings wären die Kassem-Angriffe beinahe wieder in die Schlagzeilen geraten. Einmal landete ein Geschoss auf einem Fabrikgelände, und nur durch ein Wunder gab es keine Opfer zu beklagen. Und das andere Mal verursachte eine Rakete in einem Kindergarten in Sderot grossen Sachschaden. Man stelle sich vor, das Geschoss wäre eine Woche später eingeschlagen, nach der Rückkehr der Kinder aus ihren zweimonatigen Sommerferien! Wir wollen uns aber nicht mit hypothetischen Überlegungen befassen, sondern mit der Tatsache, dass keines der 78 in dem Kindergarten eingeschriebenen Kinder durch den von der Hamas-Regierung geduldeten, wenn nicht gar unterstützten Raketenterror Schaden erlitten hat. Von wegen Rückkehr aus den Ferien: Derzeit ist noch gar nicht sicher, ob der Schulbetrieb in Sderot termingerecht am 2. September wieder aufgenommen werden wird. Abgesehen davon, dass die Lehrer (wie praktisch jedes Jahr um diese Zeit) mit einem landesweiten Streik drohen, tragen sich die Eltern in Sderot mit dem Gedanken, ihre Zöglinge zu Hause zu lassen, weil trotz eines klaren Beschlusses des Obersten Gerichtshofes bisher nur die wenigsten Schulhäuser der Stadt mit den nötigen Schutzvorkehrungen gegen die Raketen versehen worden sind.
Die israelische Armee bleibt angesichts der unablässigen palästinensischen Gewaltanwendung nicht passiv. Bis Mittwochmorgen starben in der Berichtswoche nicht weniger als zwölf Palästinenser bei Aktionen des Militärs. Die überwiegende Mehrheit der Opfer waren bewaffnete Aktivisten von Jihad und Hamas, doch im Feuer israelischer Tanks kamen im nördlichen Gazastreifen auch zwei Kinder im Alter von neun und zwölf Jahren ums Leben, die sich Raketenabschussstellen genähert hatten und von den IDF-Truppen für Terroristen gehalten worden waren. «Kinder haben nichts an solchen Orten zu suchen», meinte ein Armeesprecher nur halbwegs überzeugend. Laut «Haaretz» missbrauchen die Terroristen Jugendliche bei der gefährlichen Aufgabe, Raketenwerfer nach deren Einsatz einzusammeln. Der spektakulärste Zwischenfall der ersten Wochenhälfte trug sich am Montagabend im Zentrum des Gazastreifens zu, als die Armee sechs Angehörige einer Scharfschützeneinheit der Hamas erschoss. Am Dienstag dann starben bei Khan Yunis im Süden des Streifens drei Mitglieder des Islamischen Jihad, die dabei waren, auf israelische Ziele in der Nähe des Grenzzauns zu schiessen, und in den frühen Morgenstunden des Mittwoch tötete die Armee im Norden ein bewaffnetes Mitglied der Hamas. Die Spirale von Gewalt und Gegengewalt im Gazastreifen und jenseits der Grenze dreht sich erneut, und die Furcht vor einer Ausweitung der Kampfhandlungen liegt einmal mehr in der Luft.
Nukleares Wettrüsten
Die Zeitung «Haaretz» wies am Mittwoch auf eine weitere potenzielle Quelle der Gewalt im Nahen Osten hin. So befindet sich nach Ansicht von Experten der «Atomclub» der Region in einer Phase der rasanten Expansion, sind zahlreiche arabische Nationen doch dabei, ihre Nuklearprogramme voranzutreiben. Offiziell wird zwar hartnäckig behauptet, die Atomkraft würde ausschliesslich friedlichen Zwecken dienen, doch sollte nicht vergessen werden, dass einige der genannten Staaten über riesige Ölreserven verfügen, die ihnen gestatten würden, billige Elektrizität zu produzieren, wodurch sie auf die Entwicklung teurer Nuklearinstallationen verzichten könnten. Hinter der Atomrüstung steht nach Ansicht der genannten Experten die Furcht der betroffenen Staaten vor der iranischen Atombombe. Laut dem Artikel in «Haaretz» gehören dem nahöstlichen «Atomclub» neben Israel und Iran inzwischen die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, Jemen, die Türkei, Jordanien, Ägypten, Libyen, Algerien und Marokko an. Eine Angst einflössende Liste, wobei allerdings berücksichtigt werden muss, dass sich die nukleare Entwicklung in den einzelnen Staaten auf ganz verschiedenen Niveaus befindet. (tachles 08/2007)
Bush warnt vor „nuklearem Holocaust“
US-Präsident George W. Bush hat sich gestern in einer Rede vor dem Veteranenverband „American Legion“ in Nevada scharf gegen das iranische Regime und sein Atomprogramm gewandt. „Das Streben des Iran nach Technologie, die die Herstellung von Atomwaffen ermöglicht, droht, die Region, die sowieso schon für Instabilität und Gewalt bekannt ist, unter den Schatten eines nuklearen Holocaust zu stellen“, so Bush. „Die Aktivitäten des Iran bedrohen die Sicherheit aller Nationen, und die Vereinigten Staaten arbeiten im Kreis ihrer Freunde und Verbündeten darauf hin, das iranische Regime zu isolieren und wirtschaftliche Sanktionen zu verhängen. Wir werden dieser Gefahr entgegentreten, bevor es zu spät ist.“
Der amerikanische Präsident bezeichnete den Iran auch als „weltweiten Hauptfinanzierer des Terrors“ und strich sowohl dessen Unterstützung von Hamas, Hisbollah und Islamischem Jihad heraus, als auch die von shiitischen Milizen im Irak, die amerikanische Soldaten töten.
Noch einige Stunden zuvor hatte Irans Staatspräsident Mahmoud Ahmadinejad auf einer Pressekonferenz Berichten widersprochen, nach denen sein Land das Tempo der Urananreicherung im Laufe des Sommers verlangsamt habe und es nicht, wie beabsichtigt, 3000 Zentrifugen in Betrieb genommen habe. Er erklärte, dass der Iran de facto bereits eine Atommacht sei: „Ich will Ihnen offiziell mitteilen, dass aus unserer Perspektive die Akte des atomaren Iran bereits geschlossen ist. Der Iran ist heute ein atomarer Iran, d.h. wir haben den ‚Brennstoffkreislauf’ geschlossen. Der ‚nukleare Brennstoffkreislauf’ ist ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur Herstellung von Atomwaffen. Ahmadinejad behauptete freilich erneut, dass das iranische Atomprogramm nur friedlichen Zwecken diene.
Quelle: jns und Agenturen
29. August 2007
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