Die guten Seiten der Kriegsdrohungen

Aus einem Kommentar von Zeev Schiff

Die gegenseitigen Kriegsdrohungen Israels und Syriens haben auch ihre guten Seiten. Endlich wird die israelische Öffentlichkeit die Wahrheit erfahren: Ist Israels Führung bereit für einen schmerzhaften territorialen Kompromiss auf den Golan-Höhen, gibt es eine Grundlage für die Botschaft, die von Jerusalem nach Damaskus hinsichtlich seiner Verhandlungsbereitschaft gesendet wird?

Israel wird auch mehr darüber wissen, was die wirklichen Absichten von Bashar Assad sind. Israel wird besser verstehen, auf was Assad in Bezug auf seine Unterstützung der gegen Israel operierenden Terrororganisationen zu verzichten bereit ist und bis zu welchem Grade er sich von den strategischen Verbindungen mit dem iranischen Staatspräsidenten Mahmoud Ahmadinejad distanzieren kann und möchte. Die Bedingung dafür ist, dass Israel nicht vor einem Dialog mit Syrien zurückschreckt: sowohl in Form des direkten Kontakts, als auch im Rahmen der arabischen Friedensinitiative von Riad.

Und es gibt noch einen weiteren positiven Aspekt: Es ist dies eine wichtige Möglichkeit für Israel, die Heimatfront im Norden besser vorzubereiten. Das Wissen über die Bedrohungen muss ihm eine erhöhte Anstrengung zur Stärkung der Heimatfront und der Verringerung der Schäden im Kriegsfall abverlangen. Die Bedingung dafür ist, dass die Regierung dieses sensible Thema aus den Händen der Beamten im Finanzministerium nimmt und einen eigens dafür zuständigen Minister ernennt.

In der Zwischenzeit üben sich beide Seiten in Abschreckung und senden doppeldeutige Signale. In Damaskus droht man damit, Aktionen des „Widerstands“ in die Wege leiten zu müssen, falls die syrischen Friedensvorschläge nicht beantwortet werden und Israel sich nicht von den Golan-Höhen zurückzieht. Israel droht für seinen Teil nicht, aber zwei seiner Regierungen haben jegliche Verhandlungsmöglichkeiten im Wissen um den „Preis“, den Israel zahlen müsste, abgewehrt. Im zweiten Libanonkrieg hat Syrien Israel durch seine direkte Unterstützung der Hisbollah während der Kämpfe de facto angegriffen. Israel ist auf der anderen Seite darauf bedacht gewesen, Syrien nicht zu schädigen. Einer der Gründe für die Fehlentscheidung, die Reservisten nicht frühzeitig einzuberufen, war Sorge, dass Damaskus dies als einen Schritt Israels in Richtung eines Angriffs auf Syrien interpretieren würde.

Israel und Syrien bewegen sich am Rand eines Krieges. Selbst wenn beide Seiten heute nicht beabsichtigen, einen Krieg zu initiieren, könnte ein solcher wegen Fehleinschätzungen, schlechter Geheimdienstarbeit oder der List eines Außenstehenden ausbrechen, der Interesse daran hat, Syrien und Israel in einen Krieg zu stürzen. Es ist nur natürlich, das sich beide Seiten für den schlimmstmöglichen Fall vorbereiten – Krieg.

Israelis vertrauen ihrer Armee

Die Ergebnisse der diesjährigen Meinungsumfrage des Institute for National Security Studies (INSS), die in den Monaten Februar und März durchgeführt wurde, werfen ein Bild auf die sicherheitspolitische Stimmungslage der Israels ein halbes nach dem zweiten Libanonkrieg.

Die meisten Israelis sehen die Ergebnisse des zweiten Libanonkriegs als eher unklar an, wobei die eine Hälfte denkt, dass keine Partei gewonnen habe und die andere Hälfte gleichmäßig zwischen jenen geteilt ist, die meinen, Israel habe gewonnen, und jenen, die in der Terrororganisation Hisbollah den Sieger sehen.

Gleichwohl fühlen über 80 Prozent der jüdischen Bevölkerung, dass sie sich auf die Armee und darauf, dass sie das Land verteidigen kann, verlassen können. Über zwei Drittel der Befragten sind nach wie vor von der Richtigkeit der Entscheidung überzeugt, gegen die Hisbollah in den Krieg zu ziehen. Die große Mehrheit meint allerdings, dass Israel den Krieg hätte fortsetzen sollen, wenn nicht bis zur gänzlichen Zerschlagung der Hisbollah, dann doch zumindest bis zur Befreiung der entführten Soldaten.

Eine wesentliche Beobachtung bestätigt die Stärke der politischen Mitte in der israelischen Gesellschaft. Nur jeweils etwa 10 Prozent lassen sich dem rechts- und linksextremen Spektrum zuordnen. Daraus lässt sich eine große Flexibilität der öffentlichen Meinung ablesen.

Als die größte Bedrohung empfinden die Israelis mehrheitlich die Aussicht, dass der Iran in den Besitz von Atomwaffen gelangen könnte.

Trügerische Ruhe in Sderot

In der Umgebung von Sderot sind am Mittwoch wieder vier Kassam-Raketen niedergegangen. Im Vergleich zu dem Dauerbeschuss, der in den vergangenen zwei Wochen die südisraelische Stadt in Atem gehalten hat, ist dies ein deutlicher zahlenmäßiger Rückgang.

Die Einwohner von Sderot zeigen sich freilich wenig beeindruckt von der Abnahme der Kassam-Raketen, die ihre Stadt in den letzten Tagen erlebt hat. Noch immer leben die Menschen in Angst, viele Kinder gehen nach wie vor nicht zur Schule und das Geschäftsleben erholt sich nur mühsam. Trotz der relativen Ruhe sind auch viele Bürger noch nicht in die ramponierte Stadt zurückgekehrt. Der Ausnahmezustand ist noch nicht aufgehoben.

Für manche Israelis, die nicht in Sderot leben, ist die Zahl der Raketen das Barometer für die Stimmung vor Ort. Für Yaki Cohen, einen Bewohner der Stadt, stellt sich die Situation jedoch völlig anders dar: „Was mich angeht, besteht zwischen einer Kassam oder 30 Kassam kein Unterschied. Gestern Nacht haben wir die Alarmstufe Rot gehört und eine Rakete fiel vom Himmel. Meine fünf Kinder wachten auf in Panik. Sie weinten, schrieen. Versuchen Sie einmal fünf komplett hysterische Kinder zu beruhigen. Selbst heute tagsüber, als wir die Alarmstufe Rot einmal gehört haben, hat dies gereicht, um alle Leute hier zu lähmen.“

„Die Lage ist nun schwieriger, da die Palästinenser scheinbar eine Runde beendet haben, und nun wartet jeder auf das nächste Mal, dass sie abfeuern“, meint Yoel, ein anderer Bewohner Sderots. “Dies ist eine Situation, die die Leute verrückt machen kann.“

zum Seitenanfang

Weitere Berichte:

zum Seitenanfang
Druckbare Version
Die Friedensalternative – Von Tzipi Livni
Die Israelis - Ganz normale Menschen