Die wahre Nakba
Von Shlomo Avineri
Wenn die Palästinenser am 15. Mai an das erinnern, was sie die „Nakba“ (Katastrophe) nennen, täten sie gut daran, in Betracht zu ziehen, dass ihr wahres Versagen nicht im Jahr 1948 stattfand: Es fand bereits früher statt. Und auch heute noch findet es statt. Die wahre Nakba geschieht jeden Tag und zu jeder Stunde vor unseren - und ihren - Augen. Und der gewalttätige Putsch der Hamas im Gaza-Streifen ist nur das jüngste Beispiel dafür.
Während sich Palästinenser - nicht ganz zu Unrecht - als die Opfer der zionistischen Bewegung und deren erfolgreicher Gründung eines jüdischen Staates im Land Israel sehen, sollten die Gründe für ihr historisches Versagen anderswo gesucht werden, nämlich in der Unfähigkeit der palästinensischen Nationalbewegung, ein politisches und soziales institutionelles Rahmenwerk zu schaffen, das die notwendige Basis für jeden Aufbau einer Nation ist. Die Geschichte nationaler Bewegungen lehrt uns, dass nationales Bewusstsein - so stark es auch sein mag - nicht ausreicht: Bewegungen, die kein institutionelles System schaffen konnten, das lebenswichtig für ihren Erfolg ist, sind gescheitert.
Es wäre ein Fehler, die Stärke der palästinensischen Nationalbewegung zu unterschätzen, wie es nicht wenige Mitglieder des zionistischen Lagers in der Vergangenheit taten. Und auch heute noch machen viele diesen Fehler. Es war Chaim Arlosoroff - damals ein junger Mann Anfang 20 -, der bereits 1921 erkannte, dass die zionistische Bewegung nicht etwa einer Reihe gewalttätiger Ereignisse gegenüberstand, sondern einer Nationalbewegung.
Die palästinensische Nationalbewegung wurde jedoch von vielen Fehlern begleitet, die in der Unfähigkeit wurzelten, ein Rahmenwerk aus Konsens und Solidarität zu bilden. Diese Fehler schwächten und zersplitterten die Bewegung. Und es scheint, dass dies ein Problem ist, das die Palästinenser bis heute nicht lösen konnten.
Die erste und schärfste Manifestierung dieses Fehlers ereignete sich in den Jahren 1936 bis 1939 während des palästinensischen Aufstandes gegen die britische Herrschaft. Diese Rebellion scheiterte nicht nur, weil sie brutal von den britischen Kolonialbehörden unterdrückt wurde oder weil es den Truppen der Haganah (der vorstaatlichen Untergrundarmee) gelang, den Yishuv (die jüdische Gemeinschaft in Palästina) zu verteidigen. Sondern sie versagte, weil die Palästinenser nicht fähig waren, Institutionen zu errichten, die von allen Teilen der arabischen Gesellschaft im Land akzeptiert wurden. Und als interne Streitigkeiten wegen der Natur des Kampfes aufkamen, entwickelte sich aus der Rebellion ein inner-palästinensischer Bürgerkrieg. Es starben mehr Palästinenser durch rivalisierende bewaffnete Palästinensermilizen als durch Kämpfe mit der britischen Armee oder der Haganah. Innerhalb der palästinensischen Gesellschaft gibt es die Tendenz, die Erinnerung an diesen gewaltsamen Kampf, der zwischen den Milizen der Husseinis und denjenigen der Nashashibis stattfand, zu unterdrücken. Doch die Unterdrückung dieser Erinnerung verstärkt nur das Versagen und macht es schwerer, aus den Fehlern zu lernen.
Ein ähnlicher Fehler ereignete sich im Jahr 1948: Obwohl die Mehrheit der palästinensischen Gesellschaft gegen den Teilungsplan war, wie er am 29. November 1947 von den Vereinten Nationen verabschiedet worden war, erwiesen sich die Palästinenser als unfähig, einen vereinten militärischen und politischen Apparat für die Konfrontation mit dem Yishuv zu schaffen. Das Arabische Höhere Komitee war niemals mehr als eine Gruppe traditioneller Würdenträger. Und es beaufsichtigte kein effektives System, das mit dem „Staat im Werden“ des Yishuv vergleichbar gewesen wäre. Der gewalttätige palästinensische Widerstand gegen den Teilungsplan bestand aus Angriffen durch bewaffnete Milizen in der Gegend von Jerusalem, in Galiläa und in Yafo, Milizen, die ohne zentrale Koordination und Führung operierten.
Die palästinensische Niederlage war zum großen Teil das Ergebnis einer Unfähigkeit, ein zentrales Militärkommando einzurichten. Die Führer der Milizen - Abdel Qader al-Husseini, Fawzi al-Qawuqji, Hassan Salameh - gehorchten niemals irgendeiner zentralen Autorität. Und wenn der Yishuv die Milizen „Banden“ nannte, so hatte dieser Begriff natürlich einen propagandistischen Wert, doch er enthielt auch eine Menge Wahrheit.
Jeder, der mit der Geschichte des Yishuv vertraut ist, mag nun – zu Recht - sagen, dass die Juden ihre eigenen Splittergruppen hatten, die sich weigerten, die Autorität der Mehrheit, die sich selbst „der organisierte Yishuv“ nannte, anzuerkennen. Dies ist natürlich wahr. Doch in kritischen Momenten war es David Ben-Gurion, der schicksalhafte Entscheidungen traf und somit die Einheit des Kommandos und der politischen Legitimität sicherte. Der Altalena-Fall (eine gewalttätige Konfrontation im Jahr 1948 zwischen den neu gegründeten Israelischen Verteidigungsstreitkräften und der Irgun, einer der vorstaatlichen Milizen) war der Wendepunkt in dieser Angelegenheit. Und somit garantierte der flügge gewordene Staat, was der deutsche Soziologe Max Weber als Wesensmerkmal der staatlichen Souveränität definierte: die Existenz eines Monopols, das auf der legitimen Anwendung von Gewalt basiert. In der arabischen Gemeinschaft im Palästina von 1948 geschah dies nicht.
Die Konsequenzen waren schnell zu sehen: Es gab nicht nur Versagen im Kampf mit dem Yishuv sondern auch eine Unfähigkeit, aus der Niederlage wenigstens einen Rest an nationaler Autorität herauszuziehen. Hätte die arabische Gemeinschaft eine Führung mit deutlicher Legitimität gehabt, wäre sie wahrscheinlich fähig gewesen, eine palästinensische nationale Einheit in den Teilen Palästinas zu schaffen, die unter arabischer Kontrolle geblieben waren. Doch selbst als man eine „Ganz-Palästina-Regierung“ in Gaza mit dem Mufti als Oberhaupt gründete, war dies nur eine ägyptische Marionettenregierung, die niemals ihre Autorität im Westjordanland durchsetzen konnte, das damals unter jordanischer Kontrolle war. Und somit verschwand diese Regierung bald. Die palästinensische Geschichte wäre wohl anders verlaufen, wenn die Palästinenser Institutionen und ein Organisationssystem gehabt hätten, die fähig gewesen wären, die ägyptische Besatzung des Gaza-Streifens und die jordanische Annexion des Westjordanlandes zu konfrontieren und die versucht hätten, selbst aus den Trümmern der Niederlage von 1948 einen palästinensischen Staat aufzubauen.
Wenn sie dieser Reihe von Fehlern gegenüberstehen, tendieren die Palästinenser dahin, sie ihrer eigenen Schwäche und den schwierigen Bedingungen, die nach der militärischen Niederlage durch Israel vorherrschten, zuzuschreiben. Gewissermaßen mag dies wahr sein, doch es ist irrelevant. Nationale Bewegungen werden nicht unter vorteilhaften Bedingungen gegründet. Sie stehen immer einem Feind, fremden Herrschern, einer Besatzung gegenüber. Wir müssen nicht sehr weit gehen, um das palästinensische Scheitern mit dem Erfolg der algerischen Nationalbewegung zu vergleichen. Letztere trat einem Besatzungsregime gegenüber, das weitaus stärker und grausamer war als die zionistische Bewegung. Und doch gelang es ihr, ein organisatorisches, diplomatisches und militärisches System zu schaffen, das nicht nur erfolgreich die Franzosen konfrontierte, sondern auch fähig war –allerdings nicht ohne Probleme-, einen unabhängigen algerischen Staat zu gründen.
Der De-facto-Bruch der palästinensischen Autonomiebehörde, der dem Hamas-Putsch im Gaza-Streifen folgte, ist die Ausweitung des palästinensischen Versagens. Doch selbst jetzt neigen die Palästinenser dazu, Israel, den Amerikanern, der internationalen Gemeinschaft die Schuld zu geben. Wahr ist jedoch, dass die wesentliche Verantwortung ultimativ bei den Palästinensern selbst liegt. Wahlen wurden abgehalten. Die Hamas gewann, die Fatah verlor – und beide Gruppen waren unfähig, einen Rahmen aufzurichten, dessen Legitimität von beiden Seiten akzeptiert worden wäre. Fatah und Hamas sind schließlich nicht nur zwei Parteien, die innerhalb eines demokratischen Konsenses operieren. Sie sind auch bewaffnete Milizen, und ihre Stärke bei den Wahlen wurzelt zum großen Teil in ihrer Militärmacht. Alle pan-arabischen Versuche, sie zu vereinen - wie das Mekka-Abkommen, das im vergangenen Jahr von Saudi-Arabien ausgehandelt wurde -, scheiterten angesichts dieser Realität, die zeigt, dass die Macht in der palästinensischen Gesellschaft im Grunde aus dem Gewehrlauf kommt (wie Mao Tse-Tung einmal in einem anderen Zusammenhang sagte).
Der gewalttätige Militärputsch der Hamas im Gaza-Streifen gegen etwas, von dem angenommen worden war, es sei der Ort der palästinensischen Legitimität, ist nur eine Wiederholung - unter anderen Bedingungen - der palästinensischen Bandenkriege aus den Jahren 1938 und 1939. Die Tatsache, dass es kein Modell für einen folgenden arabischen demokratischen Staat gibt, hilft ebenfalls nicht eben weiter.
Um es klar zu machen: Diese Worte werden nicht geschrieben, um die Legitimität der palästinensischen Bewegung oder das Recht der Palästinenser auf einen Staat in Frage zu stellen. Sie sind dazu gedacht, ein tief liegendes internes gesellschaftliches Versagen aufzuzeigen. Die Palästinenser vermeiden es, sich diesem Versagen zu stellen, und viele Israelis ignorieren dies, denn oft wird der israelische Diskurs über das palästinensische Thema aus der begrenzten Perspektive der Sicherheitsbedenken geführt. Darüber hinaus vermeiden es Teile der israelischen Linken - die zu Recht durch die andauernde Besatzung aufgewühlt sind - aus Gründen der political correctness, die Palästinenser selbst für ihre Situation verantwortlich zu halten. Doch solch eine Bevormundung ist nicht hilfreich für die Palästinenser.
Was jetzt im Gaza-Streifen geschieht, ist die wahre palästinensische Nakba: die Tendenz, äußeren Faktoren die Schuld zu geben, lässt die Konturen verschwimmen. Die palästinensische Gesellschaft ist sich eindeutig in Not, und zu großen Teilen auf Grund der 40jährigen Besatzung. Doch dies ist eine zu einfache Ausrede: In den Jahren nach 1945 wäre es für den Yishuv einfach gewesen, der britischen Herrschaft, der arabischen Opposition und dem Trauma der Shoah die Schuld zu geben und sich im Sumpf der Selbstgerechtigkeit zu suhlen und dabei zu erklären, warum ein jüdischer Staat unter solch schwierigen Bedingungen nicht gegründet werden könnte. Doch das von Herzl geschaffene Rahmenwerk der zionistischen Bewegung mit ihren gewählten Institutionen, ihrer Mehrparteienvielfalt, die in einer grundsätzlichen Solidarität verankert war, und der Formulierung einer nationalen Autorität trotz Fällen von Unstimmigkeiten und Absplitterungen – all dies lieferte eine organisatorische und institutionelle Basis, die es möglich machte, die menschlichen und wirtschaftlichen Ressourcen einzusetzen, die nötig waren, um mit der harten Realität, die auf die UN-Teilungsresolution folgte, umzugehen.
Das Schicksal der Palästinenser ist nun in der Schwebe, und es liegt in ihren eigenen Händen. Diejenigen, die auf die palästinensische Geschichte blicken, werden sich nur schwer vorstellen können, dass Fatah und Hamas ihren Streit niederlegen und ein gemeinsames, legitimes Rahmenwerk schaffen werden. Vielleicht können Ägypten oder Saudi-Arabien die Unterzeichnung des einen oder anderen Schriftstückes - wie z. B. das Mekka-Abkommen - fördern. Doch entscheidend ist nicht ein Stück Papier, sondern ein effektives Schultern der Last einer gemeinsamen Legitimität, die notwendig ist, um eine Nation aufzubauen. Solch ein Rahmenwerk muss die Entwaffnung von Milizen beinhalten und das Betrauen einer nationalen Autorität mit dem Monopol über die Anwendung von Gewalt. Ohne dies wird es auch keine Möglichkeit eines Abkommens mit Israel geben, was wichtig für die Gründung eines palästinensischen Staates ist.
Diese Dinge sollten deutlich gesagt werden, so schwer sie auch sein mögen: Wenn die Palästinenser keinen Weg finden, sich selbst aus ihrer harten historischen Realität zu befreien, werden sie am Ende keinen Staat haben. Dies wird sowohl für sie als auch für Israel schlecht sein.
Shlomo Avineri ist Emeritus für Politische Wissenschaften an der Hebräischen Universität Jerusalem.
Quelle: Haaretz, jns
27.5.2008
Weitere Berichte: