Zwischen High-Tech und Handschlag
Diamanten in Israel
Noch vor Jahren war der Schliff der schönen Steine Handarbeit. Tradition ist das Fundament der Diamanten-Industrie in Israel. Doch die Maschinen lassen immer weniger Raum dafür.
Die Schleifer halten die Diamanten an rotierende Scheiben, durch die Lupe beurteilen sie das Ergebnis und schleifen weiter. Winzige Facetten entstehen, bis die Steine betörend glitzern. «Noch vor zehn Jahren wurde vom Rohdiamanten bis zum Brillanten nur mit der Hand gearbeitet», sagt Joav Paz, Besitzer einer israelischen Diamantenfabrik. «Nun werden die Steine mathematisch präzise mit Laser geschnitten und per Computer vermessen. Da ist wenig Platz für Fantasie und Tradition.» Dabei ist gerade Tradition das Fundament der Diamanten-Industrie in Israel.
Ein 80-Karat-Diamant in der Hand Foto: AP
Juden aus den Diamantenstädten Europas brachten das Handwerk mit, als sie während der Zeit des Nationalsozialismus nach Palästina flohen. «Die Diamanten-Pioniere hatten zwar keine Minen, aber eine Vision», sagt Jehuda Kassif. Er ist Kurator am Diamanten-Museum in Tel Aviv. «Sie brachten Fertigkeit und Erfahrung mit und bauten eine boomende Industrie auf.»
Schleifereien eröffneten in der Küstenstadt Netanja und in Tel Avivs Stadtteil Ramat Gan, die Rohdiamanten kamen aus Afrika. Heute stammen sie vor allem aus Russland, Kanada und Australien. An der Diamantenbörse in Ramat Gan verkaufen Händler die Edelsteine in alle Welt. «2007 haben wir geschliffene Diamanten im Wert von sieben Milliarden Dollar exportiert, das sind 30 Prozent des gesamten israelischen Exports», sagt Avi Paz, Präsident der Börse.
«Schon lange vor dem Staat Israel waren Diamanten eng mit dem Judentum verbunden», erzählt Kurator Kassif. «Nach der Judenvertreibung aus Spanien im Jahr 1492 fanden viele Flüchtlinge nur im Diamantengeschäft Arbeit.» Gerade Juden seien dafür sehr geeignet gewesen. «Sie lebten als einziges Volk über die ganze Welt und entlang der Handelsstrassen verstreut und kamen über dieses Netzwerk an Rohdiamanten», sagt Kassif. «Sie hatten schon immer mit Kostbarkeiten gehandelt und besassen deshalb gute Kontakte zum Adel, also zur Kundschaft.» Juden selbst hätten selten Diamanten getragen, aus Angst vor Neidern. «Sie nutzten die Steine als bewegliches Kapital, weil ihnen Landbesitz verboten war. Diamanten waren Werte, die sie mitnehmen konnten, wenn sie durch Pogrome vertrieben wurden.»
Geschliffen wird im Billiglohnland
Die Diamantenbörse in Ramat Gan ist heute ein Hochsicherheitstrakt und eine kleine Stadt für sich. Im Geschäftsraum begutachten Händler und Kunden funkelnde Kristalle mit Pinzetten und Lupen. Gütekriterien sind Reinheit, Farbe, Schliff und Karat. Ein Karat entspricht 0,2 Gramm. Auch eine Synagoge gibt es in der Börse, zudem eine Post und Restaurants. Die 15 000 Angestellten sollen das Gelände während der Arbeit nicht verlassen. «Wo Diamanten sind, ist Verbrechen nicht weit», sagt Joav Paz.
Einst arbeiteten 30.000 Schleifer in Israels Diamantenfabriken, mittlerweile sind es nur noch 3000. Geschliffen wird nun in Billiglohnländern wie China. Dafür beschäftigt die israelische Diamantenindustrie weltweit 35.000 Arbeiter. Nur grosse Steine, bei denen es auf Qualität und nicht auf Lohnnebenkosten ankomme, würden noch in Israel bearbeitet, sagt Kassif.
Eine Tradition aber ist geblieben, betont Joav Paz: Der Handel werde noch immer mit einem Handschlag und dem hebräischen «Masal U'Vracha» (Glück und Segen) besiegelt - und das weltweit, selbst in muslimischen Ländern. «Deshalb gibt es auch keine weiblichen Diamantenhändler, weil religiöse Kunden Frauen nicht berühren dürften. Ein Handschlag wäre unmöglich.»
Sarah Schelp (dpa)
10.Juni 2008
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