Nach Attentat denkt Israel an neuen Zaun

Mehr als ein Jahr gab es in Israel keinen Selbstmordanschlag mehr. Am Montag war Dimona in Südisrael das Ziel. Die Täter kamen möglicherweise über die offene Grenze im Gazastreifen.

Keystone : Chaos nach Terrorattacke in Dimona: Ein Soldat gibt Verkehrsanweisungen.

Eine Israelin ist am Vormittag ums Leben gekommen, als ein Selbstmordattentäter sich in einem Geschäftszentrum in der Negev-Stadt Dimona in die Luft sprengte. Elf Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Geplant war offenbar ein Doppelanschlag. Ein zweiter Attentäter wurde von einem israelischen Polizisten erschossen, bevor er seinen Bombengürtel zünden konnte. Sicherheitsexperten hatten seit Tagen gewarnt, dass Terroristen aus Gaza den Mauerfall in Rafah nutzen würden, um sich über die ägyptische Halbinsel Sinai in den israelischen Süden zu schleusen. Eine Befürchtung, die sich durch ein Tatbekenntnis zu bestätigen schien.

Für Dimona war es der erste derartige Terrorakt überhaupt. Die Stadt im Süden Israels, bekannt hauptsächlich als Standort einer Reaktoranlage, liegt abseits urbaner Ballungsräume wie Jerusalem oder Tel Aviv, die in der Vergangenheit immer wieder Schauplatz blutiger Selbstmordattacken gewesen waren. Von der ägyptischen Grenze aber ist die 40'000 Einwohnerstadt nur eine Autostunde entfernt. Bis zum vergangenen Sonntag waren zwölf Tage lang Hunderttausende Palästinenser unkontrolliert in den Sinai gereist, nachdem Militante der Hamas die Grenzbarriere zwischen dem Gazastreifen und dem Sinai gesprengt hatten. Mehrfach waren danach bewaffnete oder mit Bombengürtel ausgerüstete Palästinenser ägyptischen Beamten in die Hände gefallen.

Die etwa 300 Kilometer lange Grenze zwischen Israel und dem Sinai, über die bereits Tausende Flüchtlinge aus Afrika ins Land kamen, gilt ohnehin als porös und wegen der felsigen Wüstenlandschaft als kaum kontrollierbar. Verteidigungsminister Ehud Barak hatte mit Verweis auf erhöhte Terrorgefahr noch am Sonntag den Bau eines Grenzzauns als «dringlich» bezeichnet.

Neue Terrorwelle in Israel befürchtet

Einsatzkräfte am Tatort in Dimona: Steht eine neue Welle des Terrors bevor? (Bild:AFP)

Gleich drei Organisationen übernahmen die Verantwortung für das Attentat im Einkaufszentrum von Dimona: die Volksfront zur Befreiung Palästinas, die kompromisslos gegen Israel kämpft; und die Nationalen Widerstandbrigaden, der sich ehemalige Aktivisten angeschlossen haben, denen die Hamas zu moderat ist.

Auch der militärische Flügel der Fatah-Partei will am Selbstmordanschlag beteiligt gewesen sein. Was politisch besonders brisant wäre: Präsident Mahmud Abbas, der mit Premier Ehud Olmert Friedensgespräche führt, steht an der Spitze der Fatah-Partei. Abbas bestreitet zwar, dass seine Anhänger mit dem Attentat irgendetwas zu tun hätten. Aber Mussa Arafat, der Terrorist, der in Dimona an seinem Bombengürtel zog, gehört dem militärischen Flügel der Fatah an.

Abbas, der das Attentat verurteilt hat, muss sich nun - nicht zum ersten Mal - die Frage gefallen lassen, ob er seine Organisation im Griff hat. Aufschlussreich ist, wer sich dieses Mal nicht mit dem Anschlag brüstet: die radikal-islamische Hamas. Einer ihrer Sprecher hat die Operation zwar als "gerechtfertigt" gelobt. Er wisse aber nicht, ob seine Organisation beteiligt gewesen sei. Die Zurückhaltung könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Hamas keine neuen Probleme mit Ägypten sucht. Kairo sieht die Öffnung des Gaza-Streifens zu Ägypten ungern, weil dies die Muslimbrüder im eigenen Lande stärken könnte.

Der Attentäter Mussa Arafat, der aus dem südlichen Gaza-Streifen stammt, hatte ein leichtes Spiel. Er wählte vermutlich die Route über Ägypten, um nach Israel zu gelangen. In Rafah, wo vor anderthalb Wochen die Mauer zu Ägypten fiel, konnte er bequem die Grenze passieren. Vom Sinai aus war das Ziel Israel mit Leichtigkeit erreichbar. Die Grenze ist meistens unbewacht und durchlässig. Sobald er einmal im Negev war, waren es bis Dimona es nur noch 100 Kilometer. Unsicher ist derzeit, ob er auf seinem Weg nach Dimona lokale Helfer hatte.

Die Nonchalance, mit der Israel bisher die Löcher im Grenzzaun hingenommen hat, erstaunt. Am internationalen Flughafen befragen israelische Grenzer jeden Ankömmling peinlich genau, bevor er im Pass das Einreisevisum erhält, und die Westbank wird mit einem Sicherheitszaun abgeriegelt. Aber an der Grenze zu Ägypten toleriert Israel, "dass jeder hereinkommen kann, der will", sagt Innenminister Meir Schitrit.

Die rund 300 Kilometer lange Grenze durch den Wüstensand ist nicht befestigt. An etlichen Stellen existiert nicht einmal ein Zaun. Dem israelischen Geheimdienst sind mindestens 30 Stellen bekannt, an denen der Grenzübergang zwischen Israel und Ägypten ohne Kontrollen möglich ist. Viele Beobachtungsstellungen der israelischen Armee sind permanent oder zumindest oft unbemannt. Die bisherigen Regierungen haben die Kosten gescheut: Der Zaun würde umgerechnet rund 500 Millionen Euro kosten, schätzt Schitrit.

Ein Marsch durch die Wüste Sinai oder eine Eskorte mit Kamelen oder Geländewagen - diese Route nach Israel wählen seit Jahren auch Drogenhändler, Prostituierte und afrikanische Flüchtlinge, die von Ägypten nach Israel wollen. Jetzt werden sich vermutlich Terroristen dem Strom anschließen, mutmaßt man in Jerusalem, und zwar ausgestattet mit Sprengstoff.

Weiter Verhandlungen

Kabinettsmitglied Eli Yishai von der orientalisch-religiösen Shas-Partei machte sich zudem dafür stark, Israels Armee wieder in den «Philadelphi-Korridor» (die Grenze zwischen Gaza und Sinai) zu schicken. Auch solle man den Friedensprozess absagen. Regierungssprecher betonten indes, man werde weiter mit der moderaten Palästinenser-Führung verhandeln und gleichzeitig militärischer Druck auf Hamas und andere Militante ausüben.

In Ramallah verurteilte Präsident Mahmoud Abbas, der an der Spitze der Fatah steht, den Anschlag, wenngleich er Israel wegen seiner militärischen Vorstösse im Westjordanland kritisierte. Seine Hauptgegner wiederum, Hamas wie Djihad, priesen das Attentat als «gerechtfertigten Widerstand». Israel flog derweil Luftangriffe auf Gaza, die zur «militärischen Routine» zählen. Getötet wurde dabei der Führer der «Volkswiderstand-Komitees» in Beit Lahia, verantwortlich für das Abfeuern von Qassam-Raketen.

Vergeltung für Dimona dürfte aus israelischer Sicht damit noch nicht Genüge getan sein. Die Täterschaft von Dimona war zunächst weniger eindeutig. Zwar erklärten die Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden, die Tat gemeinsam mit der Volksfront zur Befreiung Palästinas begangen zu haben. Dazu passte eine Meldung des zweiten israelischen Fernsehkanals, der erfahren haben will, der militante Flügel der Fatah habe 2008 «zum Jahr der Selbstmordattentate» deklariert. Ein Fatah-Sprecher jedoch dementierte dies - womöglich primär aus politischen Motiven.

Hardliner fordern Militäraktion in Gaza

In den vergangenen Tagen haben ägyptische Sicherheitsbeamte im Sinai 15 bewaffnete Palästinenser festgenommen, darunter zwölf Mitglieder der radikal-islamischen Hamas. Kurz zuvor waren den Ägyptern zwei Brüder ins Netz gegangen, die einen Bombengürtel trugen. In der vergangenen Woche war eine weitere Terrorzelle gefasst worden, die Explosionsmaterial bei sich hatte.

Doch vielleicht ist es schon zu spät, um eine Eskalation zu vermeiden. Denn über die offene Grenze haben die Palästinenser in den vergangenen Tagen Waffen und Munition in den Gaza-Streifen gebracht, darunter auch Panzerfäuste, Raketen und Flugabwehrraketen, warnte erst gestern Geheimdienstchef Yuval Diskin das israelische Kabinett. Und, so Diskin, Dutzende von palästinensischen Aktivisten, die in iranischen Trainingscamps ausgebildet wurden, seien in den vergangenen Tagen nach Gaza zurückgekehrt.

Israelische Hardliner fordern nach dem Attentat eine gross angelegte Militäraktion gegen den Gaza-Streifen, um den Terroristen ein für allemal das Handwerk zu legen. Doch ein Blick in die Annalen der israelischen Armee offenbart, dass dies nicht der erste Versuch wäre. Und nichts spricht dafür, dass militärische Gewalt dieses Mal das Problem lösen könnte.
Quelle: jns und Agenturen
4. Februar 2008

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